Archiv für April 2011

Antiziganistische Symbollehre: Der Besen vor der Tür

Zigeunerbesen I
Ähnlich wie der Antisemitismus besitzt auch der Antiziganismus eine christliche Traditionslinie. Dabei wurden Sinti und Roma von der Mehrheitsbevölkerung häufig in die Nähe des Teufels gerückt. Der kritische Historiker Wolfgang Wippermann [1] führt aus:

Verteufelt wurden neben den Juden und den hier unbedingt zu erwähnenden Hexen jedoch auch die Sinti und Roma. Anlaß und Beweis dafür war einmal die Hautfarbe der Sinti, die von den Chronisten als schwarz“ angegeben wurde. Schwarz galt nicht nur als häßlich und abscheulich, sie war auch die Farbe des Teufels. Den als abscheulich“ und schwarz“ bezeichneten Sinti wurde zusätzlich unterstellt, wie die Juden und Hexen geheime Kontakte mit dem Teufel zu unterhalten, von dem sie gewisse teuflische Fähigkeiten erworben hätten. Dazu wurde das Wahrsagen und Aus-der-Hand-Lesen sowie allerlei Schadenszauber gerechnet, durch den Sinti die Ernte der Bauern vernichten und ihre Scheunen und Häuser verbrennen könnten.

Gegen die „teuflischen Zigeuner“ halfen dem Aberglaube nach bestimmte (magische) Rituale wie der „Zigeunerbesen“. Wippermann [1]:

Er stammt aus dem mittelalterlichen Hexen- und Teufelsglauben, wonach Hexen vom Teufel die Fähigkeit hätten, auf Besen durch die Lüfte zu reiten, um sich dann auf dem Blocksberg mit dem Teufel zu paaren. Genau wie man Vampire mit Kruzifixen in Schach hält, wollten die guten norddeutschen Kaufleute die Sinti und Roma mit dem teuflischen Besen-Symbol abschrecken. Der Erfolg dieser Aktion war jedoch mäßig. Verschiedene Sinti und Roma hielten die Zigeunerbesen“ für Sonderangebote und fragten nach ihrem Preis.

Ironischerweise ist der Beruf der Besenmacher ein Beruf, der traditionell von Roma häufig ausgeübt wurde.

Alles Geschichte? Der mittelalterliche Brauch des „Zigeunerbesen“ lebt bis heute fort.
Zigeunerbesen II

Zum Beispiel Rostock 1992
Es war im Sommer 1992 als sich Anwohnerinnen und Anwohner in Rostock-Lichtenhagen durch die Überbelegung eines Wohnheims durch zumeist osteuropäische Roma gestört fühlten. Daraufhin griffen sie es gemeinsam mit zugereisten Neonazis zwei Nächte hintereinander mit Steinen und Molotowcocktails an (Vgl. Ännecke Winckel: Antiziganismus. Rassismus gegen Roma und Sinti im vereinigten Deutschland, Münster 2002, Seite 90-92).
Der spezielle antiziganistische Gehalt der rassistischen Pogrome wird bis heute leider kaum erwähnt. So wird in der sehr sehenswerten TV-Dokumentation „The truth lies in Rostock“ aus dem Jahr 1993 erwähnt, dass unmittelbar vor Beginn der Gewalttaten ein anonymer Anruf bei der lokalen Zeitung: „Am Sonntag werden wir auf die Straße gehen. […] Die Roma werden aufgeklatscht.“
In der sehr TV-Doku wird auch das Auftauchen der „Zigeunerbesen“ in Rostock unmittelbar vor den Pogromen erwähnt („[…] doch Ladenbesitzer müssen Besen in ihre Fenster stellen, um Ausländer zu vertreiben.“).
Zigeunerbesen III

Wippermann schreibt zu dem hartnäckigen Fortbestehen des antiziganistischen Brauchs [1]:
Die Zigeunerbesen“-Geschichte bestätigt die These des Philosophen Ernst Bloch, wonach Deutschland ein Land der Ungleichzeitigkeit“ sei. Neben modernen und aufgeklärten gäbe es hier auch ausgesprochen unmoderne und unaufgeklärte Denk- und Verhaltensweisen sowie abergläubische Praktiken. Antiziganistische Vorurteile wie die von den teuflischen Zigeunern“ gehören zweifellos hierher. Dennoch ist der Antiziganismus insgesamt keineswegs nur als Produkt und Erscheinungsform vergangener unmoderner und aufgeklärter Zeiten und Denkformen anzusehen. Aufklärung und Moderne haben ganz im Gegenteil zu seiner Radikalisierung beigetragen.

[1] Wolfgang Wippermann: Antiziganismus – Entstehung und Entwicklung der wichtigsten Vorurteile. „Zwischen Romantisierung und Rassismus“, aus: Landeszentrale für politische Bildung (Hg.): Sinti und Roma. 600 Jahre in Deutschland, 1998

Die ständige Ausstellung im Dokumentationszentrum der Sinti und Roma

Dokuzentrum Heidelberg
Wenig bekannt ist, dass der „Zentralrat deutscher Sinti und Roma“ seinen Sitz in Heidelberg hat und dort auch eine ständige Ausstellung zum Holocaust an den Sinti und Roma unterhält.

Die Ausstellung ist jedenfalls nur spärlich besucht, wenn man am Samstagnachmittag vorbeischaut. Dabei ist können in dieser Thematik wenig Informierte bei dem Besuch der Ausstellung einiges über den Völkermord an den Sinti und Roma erfahren.

Man erfährt, häufig am Beispiel einzelner Schicksale, von der sich steigernden Ausgrenzung und Diskriminierung, die meist parallel zu der der Juden verlief. Ebenso wie die Juden wurde den Sinti und Roma (Nazi-Jargon: „Rassezigeuner“) das Mensch-Sein abgesprochen, eine notwendige Vorstufe auf dem Weg zur Vernichtung. Illustriert wird diese De-Humanisierung in der Ausstellung durch ein Zitat aus der Zeitschrift des Deutschen Ärztebundes von 1938:

Ratten, Wanzen und Flöhe sind auch Naturerscheinungen ebenso wie die Juden und Zigeuner. Alles Leben ist Kampf. Wir müssen deshalb alle diese Schädlinge biologisch allmählich ausmerzen.

Immer mehr steigert sich die Diskriminierung und Verfolgung. Bereits ab 1937 werden Sinti und Roma in einigen Städten in regionalen KZs „konzentriert“. Ab März 1939 müssen Sinti und Roma „Rasseausweise“ tragen und in ihrem Arbeitsbuch wird ein „Z“ vermerkt. Sie müssen eine „Rassensondersteuer“ von 15% zahlen, werden aus der Wehrmacht ausgeschlossen und dürfen nicht wählen oder die Schule besuchen.
Nach der Besetzung Westpolens 1939 werden 30.000 Sinti und Roma aus dem Reichsgebiet ins Generalgouvernment deportiert. Im Februar 1943 werden dann 23.000 Sinti und Roma aus elf europäischen Ländern nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Der 14jährige Robert R., ein Sinto und Heimkind, wird aus dem katholischen Heim St. Josefspflege in Mulfingen nach Auschwitz deportiert. In einem Abschiedsbrief endet er mit dem Satz „Auf Wiedersehen im Himmel“.
Insgesamt werden bis zu 500.000 Sinti und Roma ermordet. Allein in Polen finden an mindestens 180 Orten Massenerschießungen von Roma durch so genannte Einsatzgruppen statt.

Die Ausstellung umfasst drei Etagen mit Bildern und Texten, sowie mehreren Zeitzeugen-Videointerviews. Für einen Besuch der Ausstellung sollte man etwa eineinhalb bis zwei Stunden einplanen. Das Thema ist natürlich entsprechend bedrückend und viele Bilder stellen brutale und grausame Szenen dar, deshalb sollte man sich überlegen, ob der Ausstellungsbesuch für Personen unter 14 Jahren oder besonderes sensible Personen geeignet ist.

Einige Mankos hat die Ausstellung leider. So konzentriert sie sich fast nur auf das Dritte Reich. Wird die soziale Stellung der Sinti und Roma im Kaiserreich und in der Weimarer Republik noch ansatzweise wiedergegeben, so endet die Ausstellung 1945. Der Besucher oder die Besucherin erfährt nicht was aus den Tätern wurde und wie sich das Weiterleben der Überlebenden gestaltete. Was durch die enge Beschränkung auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 auch fehlt ist die Kontinuität der antiziganistischen Diskriminierungspraxis (z.B. bei der Polizei).
Das die soziale Gruppe der Jenische im „Dritten Reich“ als so genannte „Zigeunermischlinge“ verfolgt wurde, wird leider auch nirgendwo erwähnt.

Dokuzentrum Heidelberg II

Öffnungszeiten und mehr unter: www.sintiundroma.de

Polizei löste paramilitärisches Trainingslager auf

Widersprüchliche Aussagen – Roma: Evakuierung oder Osterurlaub?

Budapest – Laut dem ungarischen privaten TV-Sender TV2 hat die Polizei am Freitagabend die Aktionen im Trainingslager der rechtsradikalen Gruppierung „Vederö“ in Gyöngyöspata beendet. Dabei seien die Organisatoren des Lagers von der Polizei abgeführt und die restlichen Teilnehmer aufgefordert worden, den Schauplatz zu verlassen.

Nach Angaben der Polizei gilt es als Straftat, wenn eine Bekleidung getragen wird, die Ängste in der Bevölkerung auslöst. Wie die ungarische Nachrichtenagentur MTI berichtete, hat der Großteil der Teilnehmer das Lager verlassen. Innenminister Sandor Pinter erklärte auf einer Pressekonferenz in Gyöngyöspata, dass acht Personen von der Polizei abgeführt worden seien. Ihnen werde vorgeworfen, randaliert zu haben. (mehr…)

Verwirrung um Roma-Rettung

Wegen eines rechtsradikalen Trainingscamps wurden angeblich knapp 300 Roma vom ungarischen Roten Kreuz evakuiert. Regierung und Rotes Kreuz dementieren: Es war nur ein Ausflug.

Die angebliche Rettung von knapp 300 Roma vor rechtsradikalen Umtrieben in Ungarn hat am Freitag für Verwirrung gesorgt. Vertreter der Minderheit erklärten, das Rote Kreuz habe sie aus dem zentralungarischen Dorf Gyöngyöspata in Sicherheit gebracht. Sie hätten sich an die Organisation aus Angst vor einem von der rechtsradikalen Gruppe Vederö geplanten paramilitärischen Trainingslager gewandt, sagten sie ungarischen Medien.

Ungarns Regierungssprecher Peter Szijjarto erklärte hingegen, die Evakuierungsaktion des Roten Kreuzes sei nicht aufgrund einer „Notsituation“ durchgeführt worden. Es handle sich vielmehr um einen länger geplanten „Ausflug“ über das Osterwochenende. Erik Selymes, geschäftsführender Direktor des Ungarischen Roten Kreuzes, bestätigte diese Darstellung auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa. (mehr…)

Man in court over ‚anti-Traveller‘ Facebook page

A man has appeared in court in relation to the alleged publication of racist material on the social networking site, Facebook.

Patrick Kissane (27), pictured right, of Knockasarnett, Killarney, Co Kerry, is accused of actions likely to stir up hatred on December 1, 2009.

Judge James O‘Connor adjourned the matter at Killarney District Court yesterday until July.

Inspector Martin McCarthy requested the case be adjourned to get the views of the Director for Public Prosecutions because of the unusual nature of the case.

It relates to the setting up of an anti-Traveller Facebook page called ‚Promote the use of knacker babies as bait‘.

The site is understood to have attracted 664 fans before it was removed by Facebook last July following a number of complaints. If the case goes ahead, it will mark the first time that anyone has been brought before the courts for publishing online racism.

Among those who filed the original complaints were members of Pavee Point, the Kerry Travellers‘ Development Group and the Waterford Travellers‘ Development Project.

Quelle: Belfast Telegraph
Stand: 20.04.2011

Machtproben: Nachspiele zum Jobbik-Aufmarsch in Ungarn

Der Jobbik-Aufmarsch in dem nordostungarischen Dorf Hejöszalonta vom Wochenende hat weitergehende Nachwirkungen, was ja auch im Sinne des Erfinders gewesen sein dürfte. Angehörige der ortsansässigen Roma weigerten sich zu Beginn der Woche, ihre Kinder in den Kindergarten zu bringen, weil eine der Betreuerinnen der kommunalen Anstalt an der Jobbik-Demonstration teilgenommen hatte. Im Unterschied zu anderen Bürgermeistern, die teilweise die rechtsextremistischen Demonstranten bzw. deren sog. „Bürgerwehren“ direkt in die Orte einluden, sprach der Bürgermeister von Hejöszalonta József Anderkó davon, dass Jobbik die Stimmung im Ort „hysterisch aufgeheizt“ habe. Zwar patroulliert die Polizei seitdem rund um die Uhr, doch die Situation bleibt enorm angespannt, beklagt der Gemeindevorsteher.

Jobbik (mehr…)

Nächtliche Randale in der Riverissiedlung

Die Polizei musste eingreifen, als am Mittwochabend eine Gruppe von fünf Leuten mit den Sinti-Familien in der Riverissiedlung aneinandergeriet. Die Gruppe habe die Sinti diskriminiert und beleidigt, die Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung. Der Verband Deutscher Sinti und Roma hat sich eingeschaltet.

Trier. Die Wohnsiedlung in der Riverisstraße bietet kein schönes Bild. Verlassene und verfallene Wohnblocks prägen die Szene. Die dort lebenden Sinti-Familien alarmierten am Mittwoch gegen 21.25 Uhr die Polizei. Eine Gruppe junger Leute fahre hupend durch die Riverisstraße, werfe mit Flaschen und brülle rechtsradikale Parolen und Beschimpfungen. (mehr…)

Erste Geständnisse beim Prozess um Romamorde in Ungarn

Einer der Angeklagten im Prozess um die Morde an ungarischen Roma in den Jahren 2008 und 2009, Árpád K., hat am Dienstag ein Teilgeständnis abgelegt und die Beteiligung an drei der insgesamt neun Attacken eingestanden, bei denen sechs Menschen starben. Bewusst tödliche Schüsse oder überhaupt Schüsse abgegeben zu haben, verneinte er allerdings und hofft wohl mit seinem Entgegenkommen auf eine mildere Strafe. Die anderen Angeklagten blieben bisher bei dem Standpunkt, dass sie zwar eher zufällig an den Orten anwesend waren, mit den Mordanschlägen aber nichts zu tun hätten.

Árpád K. hatte bei den ersten drei Anhörungen die Aussage verweigert, gab nun aber seine Beteiligung bei den Attacken in Galgagyörk im Juli 2008 und in Piricse im August desselben Jahres sowie bei einem weiteren Anschlag zu. Dabei habe es sich seinen Angaben nach aber nicht um eine gezielte und vorbereitete Organisation gehandelt, sondern eher um spontane Aktionen, mit denen man „auf die Probleme mit den Zigeunern“ aufmerksam machen wollte. Eigentlich wollte man die Bewohner mit Molotow-Cocktails nur erschrecken und vertreiben, die mitgebrachten Waffen jedoch „nur zur Selbstverteidiung“ einsetzen. Gleichzeitig belastete er seinen Bruder und einen weiteren Mitangeklagten der Mittäterschaft.

Quelle: Pester Lloyd
Stand: 08.04.2011

Die Heimatlosen

40 Jahre Internationaler Tag der Roma

Als Frankreich im Sommer 2010 Hunderte Roma nach Rumänien abschob, war die Kritik groß. So warnten Kirchenvertreter davor, „Minderheiten zu Sündenböcken zu machen“. Inzwischen haben sich die Wellen zwar wieder gelegt – doch das Thema ist noch immer problematisch. Daran erinnert auch der Internationale Tag der Rom.

Roma feiern am Freitag (08.04.2011) den Internationalen Tag der Roma, der sich in diesem Jahr zum 40. Mal jährt. An dem Tag wollten Roma auf die teilweise „beunruhigende und trostlose“ Situation der ethnischen Minderheiten der Sinti und Roma in Europa aufmerksam machen und neue Denkanstöße zur Integration „im Respekt vor der kulturellen Vielfalt“ geben, erklärte der Verein Rom im Vorfeld. In Europa leben nach Angaben des Vereins zehn bis zwölf Millionen Roma und Sinti. Damit seien sie die größte europäische Minderheit ohne eigenes Staatsgebiet. (mehr…)

Ungarn: Rechtsradikale patrouillieren in Roma-Viertel

200 Mann der offen rassistischen „Bürgerwehr“-Gruppe „Szebb Jövöert“ sind seit Montagabend in einer nordungarischen Kleinstadt unterwegs. Als Grund nennen sie die gestiegene Kriminalität.

Die rechtsradikale ungarische „Bürgerwehr“-Gruppe „Szebb Jövöert“ marschiert seit Montagabend im Roma-Viertel der nordungarischen Kleinstadt Hajduhadhaza. Die 200 Mann starke uniformierte Gruppe wolle zwei Wochen bleiben, sagte am Dienstag Gergely Rubi, Parlamentsabgeordneter der rechtsradikalen Partei Jobbik, der selbst Mitglied dieser „Bürgerwehr“ ist. Den Aufmarsch begründete Rubi nach Angaben der ungarischen Nachrichtenagentur MTI mit der angeblich gestiegenen Kriminalität.

Die „Bürgerwehr“-Mitglieder seien von der Bevölkerung von Hajduhadhaza gut aufgenommen worden, sagte Rubi weiter. Sie würden während ihres „Einsatzes“ bei zwölf Familien wohnen und von diesen auch verpflegt. An diesem Sonntag ist eine Großdemonstration der Rechtsradikalen geplant, zu der auch der Jobbik-Vorsitzende Gabor Vona erwartet wird. (mehr…)