Roma in der Slowakei: Hinter den Mauern

Das slowakische Košice beherbergt mit „Lunik 9″ eine große Roma-Siedlung. Dass in der Nähe der Plattenbauten eine hohe Mauer errichtet wurde, entsetzt die EU mehr als die Bewohner. Vater Peter, ein katholischer Priester, kümmert sich in „Lunik 9″ um die Roma und sagt: „Die Zigeuner muss man erziehen.“

Ist Vater Peter ein Rassist?

Vater Peter ist katholischer Priester, er lebt in der ostslowakischen Stadt Košice, wo eines der berüchtigtsten Roma-Viertel Europas steht. Er sagt Folgendes über die Roma (er nennt sie Zigeuner):

„Sie haben eine andere Mentalität als wir weißen Menschen. Sie kommen aus Indien und können nicht normal leben. Sie wollen das auch gar nicht. Man muss den Zigeunern christliche Werte anerziehen, dann schaffen es auch manche von ihnen.“

Lunik 9, so heißt die Roma-Siedlung hier, besteht aus verfallenden Plattenbauten aus den Siebzigerjahren, den Gebäuden fehlen Fensterscheiben, Türen, Wasserhähne, Heizkörper. Nachts leuchten hier keine Laternen, Müll liegt teppichbunt zwischen den Häusern. Die Müllcontainer stehen leer, darin spielen Kinder. Hier fahren keine Taxis her, und als kürzlich eine Polizeistreife vorbeikommen musste, um eine Schlägerei zu beenden, wurden dem Wagen die Räder abgeschraubt.

Androulla Vassiliou, EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Jugend und Mehrsprachigkeit, würde Vater Peter vermutlich des Rassismus bezichtigen. Als der Kommissarin im August berichtet wurde, dass die Bevölkerung von Košice eine Mauer gebaut habe, um sich von den Roma abzugrenzen, schrieb sie an den Bürgermeister: „Ich bin zutiefst überzeugt, dass die Errichtung physischer Barrieren jene Werte verletzt, auf denen die Europäische Union gegründet wurde, nämlich den Respekt für die Menschenwürde und Menschenrechte, einschließlich derer von Minderheiten.“

Mitten in der Feierstimmung wird ein Wall gebaut

Mauern gegen Roma, das gibt es mittlerweile an mehreren Orten in Osteuropa, aber in diesem Fall musste die Europäische Kommission dringend reagieren. Košice, die zweitgrößte Stadt der Slowakei mit einer Bevölkerung von 240.000 Einwohnern, teilt sich in diesem Jahr mit Marseille den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Es fließt EU-Geld, Hochglanzbroschüren sind gedruckt, ausländische Künstler erschließen, oft in Begleitung ausländischer Journalisten, die ostslowakische Kulturvielfalt. Und mitten in dieser Feierstimmung wird eine Mauer gebaut.

Der Bürgermeister von Košice, Richard Raši, antwortete prompt. Die Mauer sei illegal entstanden, die Verantwortung trage der Bürgermeister von Západ, dem Stadtviertel, das an die Roma-Siedlung grenzt. „Die ethnische Gruppe der Roma ist seit mehr als einem Jahrtausend ein untrennbarer Teil der europäischen Zivilisation“, schrieb Raši. „Keine geistigen oder physischen Barrieren können dies ändern“. Er, der Oberbürgermeister, werde dafür sorgen, dass die Mauer verschwinde.

Demnach müsste auch der Bürgermeister Vater Peter für einen Rassisten halten. Nur: Vater Peter ist einer der wenigen Menschen, die in Košice tagtäglich etwas für die Roma tun.

Vater Peters Vorgänger wurde psychisch krank

Der Priester lebt seit sechs Jahren in Lunik. Er lebt hinter einem hohen Zaun, in einer festungsähnlichen Mission der Glaubensgemeinschaft Salesianer del Bosco. Zusammen mit sechs weiteren Ordensmitgliedern und vier freiwilligen Studentinnen bringt er Roma-Kindern Englisch bei, sie geben den Kindern Klavier- und Malunterricht, verteilen Brotrationen an Hungrige und Medikamente an Kranke, machen Hausbesuche. Die Fenster der Mission sind vergittert. Vater Peters Vorgänger wurde nach fünf Jahren abgezogen, er musste psychisch behandelt werden.

Außer den Salesianern gibt es in Lunik keine Sozialdienste. Der Staat unterhält hier eine Schule, deren Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt ungefähr so viel wert sind wie Gefängnisentlassungszeugnisse. Sonst hält sich der Staat heraus.

Der Briefwechsel zwischen der EU-Kommissarin und dem Bürgermeister ist an Vater Peter vorbeigegangen. Wie auch an den meisten Bewohnern von Lunik.

Es gibt nämlich keine Mauer, die Lunik vom Rest der Stadt trennt. Die Mauer, die in Brüssel für Entsetzen sorgt, steht nicht um die Siedlung herum, sondern auf einem Hügel etwa zwei Kilometer Luftlinie entfernt. Von Lunik aus sieht man diese Mauer kaum. Sie ist 25 Meter lang und schließt eine Lücke zwischen zwei Häusern am Rande des Stadtviertels Západ. Durch diese Lücke seien öfter Diebe entkommen, erzählten die Bewohner dieser zwei Häuser der Lokalzeitung. Seit die Mauer stehe, sei Ruhe. Zwischen der Skandalmauer und Lunik liegen ein steiler Hügelhang, eine Schnellstraße, ein Hain, ein Bach. Die Mauer stellt durchaus eine physische Barriere dar, sie ist zweieinhalb Meter hoch, aber man braucht schon viel Phantasie, um darin eine Gettomauer durch die europäische Zivilisation zu erkennen.

„Die Zigeuner muss man erziehen“

Als solche könnte man eher die Mauer in Ostrovany bezeichnen, einer Ortschaft 50 Kilometer weiter nördlich. Die Mauer dort ist 150 Meter lang und trennt das Roma-Viertel vom Rest des Dorfs. Im August prügelten zwei junge Roma einen 65 Jahre alten Stadionwächter in der Nachbarstadt beinahe zu Tode. Er hatte sie zur Rede gestellt, als sie versuchten, einen Fernseher zu klauen. Die Männer stachen dem Wächter ein Auge aus. Danach gab es einen landesweiten Aufmarsch der Rechtsextremen.

„Die Zigeuner muss man erziehen“, sagt Vater Peter. Er ist 50 Jahre alt, hat weiche Gesichtszüge und einen wachen Blick. Während er spricht, wummert aus dem Plattenbau gegenüber greller Roma-Pop, stundenlang. Mit seinen Nachhilfeangeboten und Gottesdiensten erreicht Vater Peter nach eigener Aussage an die hundert Roma. Der Rest der etwa 6000 Bewohner von Lunik sei nicht ansprechbar

Eine der Familien, mit deren Kindern die Salesianer arbeiten, sind die Danrovs. Mutter, Vater, drei Töchter, ein Sohn. Sie wohnen in einer kleinen Dreizimmerwohnung im fünften Stock eines vom Ofenrauch angeschwärzten Gebäudes. Es ist ein karg, aber sauber eingerichtetes Zuhause mit abgewetzten Teppichen, Plastikblumengirlanden, bunten Jesusfiguren an der Küchenwand. Der Vater zeigt sich nicht, er sieht im Schlafzimmer fern. Eine Comedyshow, da wird viel gelacht. „Er schämt sich“, sagt die Mutter, Helena. „Er hat keine Arbeit.“

19 Menschen in Lunik haben Arbeit

Bis auf 19 Menschen hat in Lunik eigentlich niemand Arbeit. Die 19 arbeiten im Stahlwerk. Vater Peter sagt, dass sie trotz ihrer Arbeit die höchsten Schulden haben, da sie nicht wüssten, mit Geld umzugehen.

Helena ist 36. Sie hat eine mädchenhafte Ponyfrisur, braune Augen und mehrere Narben im Gesicht. Auf der Brust trägt sie ein Holzkreuzchen. Sie wuchs im Stadtzentrum von Košice auf, arbeitete dort als Gärtnerin. Erst mit 20 musste sie nach Lunik ziehen. Ihre Eltern waren arbeitslos geworden und konnten sich die Wohnung in der Stadtmitte nicht mehr leisten. „Es war ein Albtraum“, sagt Helena. „Und der Albtraum geht weiter. Mein einziges Ziel ist seit 16 Jahren, hier wieder rauszukommen. Hoffentlich gelingt es meinen Kindern.“

Helena sagt, sie habe keine Freunde in Lunik. „Erstens betrinke ich mich nicht regelmäßig. Zweitens habe ich etwas dagegen, dass meine Kinder bis Mitternacht auf der Straße rumhängen und Klebstoff schnüffeln. Drittens ziehe ich mich sauber an. Viertens habe ich keine Zeit, um auf der Bank zu sitzen und zu lästern. Ich fühle mich hier fremd.“ Aber auch in Košice fühle sie sich fremd.

Einmal wurde Helenas Tochter in der Stadt von einem Auto angefahren, und im Krankenhaus musste Helena eine Ärztin anbetteln, sie möge das Mädchen untersuchen. „Sie fragten uns am Empfang, wo wir wohnen. Ich sagte, in Lunik 9. Dann ist stundenlang niemand gekommen.“

Helenas Familie lebt von Sozialhilfe, 400 Euro im Monat. Ihre elf Jahre alte Tochter Jessica nimmt bei den Salesianern Klavierunterricht. Jessica hat ein altes Nokia-Handy, sie zeigt eine SMS. Zwei Salesianer-Schwestern haben sich kürzlich von ihr verabschiedet: „Wir gehen, aber unser Herz ist in Lunik 9 geblieben, bei euch.“

„Der Winter kommt, mein Volk wird frieren.“

Der wohl reichste Mann in Lunik ist Dionyz Slepcik, 38 Jahre alt. Er ist der Bürgermeister der Roma-Siedlung, gewählt von den Roma. Die Salesianer sagen, der Bürgermeister sei für nichts wirklich zuständig. Aber er bezieht ein Gehalt von 2500 Euro und fährt einen weißen Geländewagen.

Slepcik ist ansprechbar. Er nimmt seine Sonnenbrille ab und stellt sich breitbeinig vor seinem Amtssitz auf, einem zerbröckelnden sozialistischen Betonklotz mit EU-Fahne. Slepcik sagt, er könne nachts nicht schlafen. „Der Winter kommt, mein Volk wird frieren. Wenn mein Volk leidet, leide ich mit. Manchmal habe ich psychische Tiefpunkte.“ In dem Wald hinter Lunik lebten an die 50 obdachslose Roma, sagt Slepcik, sie seien in den Plattenbauten nicht untergekommen. „Ich hoffe, die EU baut uns bald ordentliche Unterkünfte.“

Es leben in der Slowakei rund 380 000 Roma, das sind sieben Prozent der Bevölkerung. Einige haben sich integriert, das heißt sie haben Arbeit und leben in Städten. Im Stadtviertel Šaca, unweit des Stahlwerks von Košice, leben viele solche integrierten Roma. Hier hat der deutsche Theatermacher Matthias Lilienthal zuletzt sein international etabliertes Projekt „X Wohnungen“ inszeniert. Dabei wird in Privatwohnungen Theater gespielt, jeweils kurze Stücke, etwa zehn Minuten lang, in denen die Bewohner mitspielen.

In diesen „X-Wohnungen“-Stücken erzählten die integrierten Roma, bei allen biografischen Einzelheiten, im Grunde die immer gleiche Geschichte: Wie schwer es ist, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein.

Eine der Familien sang einen Song aus der Sowjetzeit, halb slowakisch, halb Romani: Der Postbote kam, er brachte für mich ein Telegramm. Das Telegramm sagte mir: Er liebt dich nicht mehr. Während ich das las, zupfte ich an meinem Haar. Geh weg, Zigeuner. Ich liebe dich nicht.

„Was sagst du da, Tochter?“

Dusan, 45 Jahre alt, der Familienvater, der Gitarre spielte, arbeitet im Stahlwerk. Er hat keine Chance, dort Karriere zu machen. Abteilungsleiter im Werk seien alle „weiß“. Unter den Kommunisten sei das anders gewesen, sagt Dusan, da sei keiner diskriminiert worden. Auch sein Sohn Adrian arbeitet im Stahlwerk, fünf Tage die Woche für 400 Euro. Weil Adrian keine Karriere machen kann, will er auswandern.

Was hält diese Familie von Lunik 9? Vater Dušan sagt: „Die Roma dort können doch nichts für ihre Lage, sie haben keine Arbeit, sie werden ausgegrenzt.“

Seine Tochter Tatjana fällt ihm ins Wort: „Komm Papa, ehrlich: Diese Menschen wollen doch einfach nicht besser leben. Es ist ihre Mentalität.“

„Was sagst du da, Tochter?“ Dusan schüttelt den Kopf. Aber er mag nicht diskutieren. Er bietet Tee an.

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Stand: 30.10.2013