Archiv für August 2017

KZ Lety: Würdige Gedenkstätte statt stinkender Schweinefarm

Seit Jahren kämpfen europäische Roma dafür, die Schweinemast auf dem ehemaligen KZ-Gelände im tschechischen Lety zu schließen. Sie fordern einen würdigen Erinnerungsort statt der aktuell dort angesiedelten Mastanlage. Nun gibt es im Streit um das Gelände überraschend eine Einigung.

Während des zweiten Weltkriegs waren im sogenannten “Zigeunerlager” im tschechischen Lety über 1.300 Roma inhaftiert. Nach offiziellen Zahlen sind hier über 300 Menschen gestorben, die meisten anderen Gefangenen wurden später nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Bis heute liegen auf dem Grund eines nahegelegenen Sees in Lety die Überreste zahlreicher ertränkter Kinder. (mehr…)

„Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau: Würzburg gedenkt ermordeter Sinti und Roma

Am 2. August 1944 starben in dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau 2.897 Sinti und Roma. Anlässlich eines internationalen Gedenktags ist auch in Würzburg an die Ermordung dieser Menschen erinnert worden.

Am Vormittag wurde am Mahnmal am Paradeplatz hinter dem Dom ein Kranz niedergelegt. Das 2005 eingeweihte Mahnmal besteht aus einem drehbaren Metallwürfel, der in Deutsch und Romanes die Inschrift zeigt: „Zum Gedenken an die Würzburger Sinti, die dem nationalsozialistischen Völkermord in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern zum Opfer fielen“.

Friedenspreisträgerin hält Rede

Am Gedenken haben neben Vertretern der Stadt Würzburg auch Sinti und Roma aus Würzburg teilgenommen. Eine von ihnen war Rita Prigmore. Die Trägerin des Würzburger Friedenspreises 2013 hat zahlreiche Verwandte in Auschwitz verloren und hat zum Gedenken eine Rede gehalten.

„Unsere Aufgabe ist es heute, gegen jede Art von Rassismus zu kämpfen. Und wir müssen gemeinsam kämpfen und uns einsetzen. Der Rassismus und der Extremismus beginnen im Kleinen, im Alltag, schleichend. Deshalb bitte ich Euch von Herzen: geht auf Menschen zu, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind, über die man schlecht redet und denkt. Sorgt dafür, dass jeder Mensch in Würde leben kann.“
Rita Prigmore, Trägerin des Würzburger Friedenspreises 2013

Vor allem ältere Menschen, Frauen und Kinder

Die in den Gaskammern des so genannten „Zigeunerlagers“ ermordeten Sinti und Roma waren vor allem ältere Menschen, Frauen und Kinder. 30 namentlich bekannte Würzburger Sinti wurden deportiert, nur vier überlebten. Kurz vor dem 2. August 1944 deportierten die Nazis alle arbeitsfähigen Sinti und Roma aus Birkenau nach Deutschland in andere Konzentrationslager. Dort mussten sie meist Zwangsarbeit für die deutsche Kriegswirtschaft leisten.

Quelle: Bayrischer Rundfunk
Stand: 02.08.2017

Zweiter-Weltkrieg-Gedenkstätte für Roma: Ein Schandfleck wird Geschichte

Eine Schweinemastanlage im böhmischen Lety weicht einer Gedenkstätte. Im Zweiten Weltkriege standen dort Internierungslager für Roma.

Die Schweinefarm auf dem Gelände des ehemaligen „Zigeunerlagers“ Lety in Südböhmen kommt weg. Das beschloss Ende Juli die Vollversammlung der Aktiengesellschaft AGPI Písek, die die Mast betreibt. Mit einer Mehrheit von 88 Prozent gaben die Aktionäre grünes Licht für den Verkauf der sieben Hektar großen Anlage an den Staat. Dort fristen in 13 Hallen jeweils 1.000 Schweine ihr Dasein.

Über 20 Jahre hat es bis zu dieser Entscheidung gedauert. Besonders im Ausland wurde kritisiert, dass die Schweinemast das Gedenken an den Völkermord an den Roma beschmutze. Das EU-Parlament hatte die Tschechische Republik in zwei Resolutionen dazu aufgerufen, die Schweinemast zu entfernen.

Das scheiterte bislang aber an der Forderung der AGPI Písek, der Staat möge den Umzug und den Bau einer neuen Mastanlage an einem weniger gedenkwürdigen Ort finanzieren. Einen Verkauf lehnte die Firma ab.

Die Proteste von Roma-Aktivisten scheinen die Schweinefarmer mürbe gemacht zu haben. Schon im September soll der Verkauf fix gemacht werden. Die Summe behalten beide Seiten bis dahin für sich. Laut Angaben des tschechischen Nachrichtenportals aktualně.cz, soll sie aber nicht höher sein als eine halbe Milliarde Kronen – knapp 20 Millionen Euro.

Ihnen fehlt das geschichtliche Bewusstsein

Anstelle der Schweinemast soll in Zukunft eine Gedenkstätte entstehen, die laut Kulturminister Daniel Herman vom Museum für Roma-Kultur und dem Komitee für die Entschädigung der Opfer des Völkermords an den Roma betrieben werden. „Die Gedenkstätte soll daran erinnern, dass hier erst ein Arbeits- und später ein sogenanntes Zigeunerlager stand“, sagt Herman.

Den Roma in Tschechien, die der latente Antiziganismus der Mehrheitsbevölkerung in Ghettos treibt, ist der Bau einer Gedenkstätte in Lety egal. Ihnen fehlt das geschichtliche Bewusstsein. Die meisten Roma, die heute in Tschechien leben, sind erst nach dem Krieg aus der Slowakei gekommen. Und sie haben andere Probleme: Armut, Bildungsferne und die Diskriminierung durch die „weißen“ Tschechen. Daran wird auch eine Gedenkstätte in Lety nicht viel ändern.

Das weiß auch Premier Bohuslav Sobotka. Der meinte vor drei Jahren, der Staat solle lieber Geld in die Schulbildung der Roma oder eine Verbesserung ihrer Lebensumstände stecken. Besonders unpopulär ist die Entscheidung, die Schweinemast aufzukaufen, in der Bevölkerung. Nicht nur, weil die Roma eine verhasste Minderheit sind – über 80 Prozent der Tschechen würden laut Umfragen keine Roma als Nachbarn wollen. Sondern auch, weil das „Zigeunerlager“ Lety das eigene Geschichtsbild stört.

Lety wurde noch vor dem Einmarsch der Deutschen und vor Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren geplant, als Sammellager für Arbeitsscheue. Auch wenn es die deutschen Besatzer waren, die Lety als „Zigeunerlager“ in ihren Vernichtungsfeldzug in Mitteleuropa eingliederten, so waren es Tschechen, die dort die Arbeit verrichteten. Zwischen August 1942 und Mai 1943 waren 1.308 Roma in Lety interniert. Katastrophale Hygienebedingungen führten zum Ausbruch einer Typhusepidemie, an der die meisten der 327 Todesopfer des Lagers starben.

Der Rest wurde nach ­Auschwitz deportiert. Es heißt, sie sollen in solch einem erbärmlichen Zustand gewesen sein, dass selbst die Wärter so etwas wie Mitleid empfanden.

Quelle: taz.de
Stand: 03.08.2017

Biografie von Romani Rose: Die erste Demo in ihrer Geschichte

Der Ballast der NS-Diktatur wog noch schwer, als Romani Rose den Kampf um Anerkennung der deutschen Sinti und Roma begann.
Romani Rose ist in Deutschland ein geachteter Mann. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, dessen Vorsitzender der 71-Jährige ist, ist die politische Vertretung der größten Minderheit des Landes, die hier seit 600 Jahren ansässig ist.

Roses eben erschienene Biografie belegt, dass es alles andere als normal ist, als Sinto in Deutschland ein geachteter Mann zu sein. Die Autorin Behar Heinemann, eine Romni aus dem Kosovo, die in den frühen 1990ern eingewandert ist, nimmt die Leserschaft mit auf eine 224-seitige Zeitreise in eine Bundesrepublik, in der es völlig unvorstellbar war, sich mit Stolz „Sinto“ oder „Rom“ zu nennen. (mehr…)

Forschungsstelle Antiziganismus

Die Forschungsstelle Antiziganismus beschäftigt sich mit grundlegenden Studien zu Ursachen, Formen und Folgen des Antiziganismus in den
europäischen Gesellschaften vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Mechanismen der Vorurteilsbildung und Praktiken der Diskriminierung werden historisch fundiert, theoriegeleitet und bevorzugt vergleichend sowohl auf lokaler, regionaler, nationaler wie auch auf transnationaler Ebene untersucht. Die wissenschaftlichen Ergebnisse werden im Kontext der Rassismus-, Stereotypen-, Gewalt- und Inklusionsforschung beleuchtet.

Eine auf Dauer angelegte Struktur der Forschungsstelle Antiziganismus ermöglicht die kontinuierliche Generierung von wissenschaftlich exzellenten Erkenntnissen in einem dynamischen Forschungsumfeld. Diese werden zugleich für die Öffentlichkeit, für Gesellschaft und Präventionsarbeit sowie für die Lehre am Historischen Seminar zur Verfügung gestellt.

Für die Arbeit der Forschungsstelle bietet die Universität Heidelberg mit ihrer internationalen Ausstrahlung, den hier geleisteten inhaltlichen und strukturellen Vorarbeiten sowie den lokalen Vernetzungsmöglichkeiten mit Institutionen und Vertretungen den idealen Ort. In den zurückliegenden Jahren hat die Manfred Lautenschläger-Stiftung bereits zentrale, thematisch verwandte Forschungsarbeiten am Lehrstuhl für Zeitgeschichte gefördert.

In der Forschungsstelle arbeitet ein Team aus wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Doktorandinnen und Doktoranden, um das Forschungsfeld voranzubringen und damit Zugkraft für das Thema zu entfalten. Wissenschaftlicher Leiter ist seit dem 1. Januar 2017 Prof. Dr. Edgar Wolfrum, Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte am Historischen Seminar der Universität Heidelberg.

Finanziert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.

Quelle: Universität Heidelberg
Stand: 19.06.2017

„Ein Zeichen über die Grenzen unseres Landes hinaus“

Neue „Forschungsstelle Antiziganismus“ an der Universität – Grundlagenforschung über Diskriminierung der Sinti und Roma

Es war ein weiter Weg, an dessen Ende sich alle Beteiligten glücklich zeigten: die Universität Heidelberg, das Land Baden-Württemberg und nicht zuletzt der in Mannheim ansässige Landesverband im Verband Deutscher Sinti und Roma. Als bundesweit erste Einrichtung dieser Art wurde jetzt die „Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg“ eröffnet, die ihren Sitz im Gebäude Hauptstraße 216 an der Ecke zum Karlsplatz hat. Sie wird sich mit einem Phänomen beschäftigen, das nicht nur historisch, sondern auch noch in der Gegenwart mit negativen Auswirkungen auf eine gesellschaftliche Minderheit verbunden ist: die Diskriminierung und Verfolgung von als „fremd“ und als „Zigeuner“ wahrgenommenen Sinti und Roma. (mehr…)