Archiv der Kategorie 'Allgemein'

Fundstück: Antiziganismus in der DDR

„Für Roma und Sinti war der VdN-Status [VdN = Verfolgte des Naziregimes] zusätzlich an die Registrierung beim Arbeitsamt geknüpft. Ihre Stigmatisierung im Nationalsozialismus als »arbeitsscheu« oder »asozial« setzte sich hier fort.“

Quelle: Antonio-Amadeo-Stiftung (Hg.): „Das hat’s bei uns nicht gegeben. Antisemitismus in der DDR“, Begleitbuch zur Ausstellung, Redaktion Heide Radvan, Berlin 2010, Seite 79

„Ist das noch Ihre Geschichte?“

ROMA-LEBEN Katja Behrens stellt Buch über den Werdegang von Gianni Jovanovic mit ihm gemeinsam im Literaturhaus vor

DARMSTADT – Am 80. Geburtstag des Darmstädter Kinderarztes Hans Joachim Landzettel haben sie sich vor zwei Jahren kennengelernt, die Schriftstellerin Katja Behrens und der damals 35 Jahre alte Gianni Jovanovic. Während der Feier schilderte der wortgewandte, gut aussehende junge Rom (Roma ist die Mehrzahl) in bewegenden Worten, warum Darmstadt für ihn jahrzehntelang verbrannte Erde war. Als Kind hatte er einen Anschlag auf das Haus erlebt, in dem er mit seiner Familie wohnte. Jahrelang verfolgten ihn Angstträume. Heute leitet Jovanovic in Köln eine auf Zahnkosmetik spezialisierte Firma, bekennt sich zu seiner Homosexualität – und ist zweifacher Großvater. „Ich persönlich hab’s geschafft“, sagt er, „andere nicht“.

Jetzt lasen Jovanovic und Behrens im Literaturhaus abwechselnd aus dem Buch vor, das die Schriftstellerin über sein Leben geschrieben hat: „Nachts, wenn Schatten aus allen Ecken kommen – Roma-Leben zwischen Tradition und Aufbruch“. Sie scheut sich nicht, das Wort Zigeuner zu schreiben und auszusprechen, Jovanovic aber mag das „Z-Wort“ nicht und besteht auf der Unterscheidung Sinti und Roma. Es war nicht die einzige Differenz zwischen den beiden, die bei dieser Veranstaltung aufblitzte.

Detailreich gibt Behrens Einblicke in befremdliche, archaische Lebensmuster. Sie beschreibt, wie der erst vierzehn Jahre alte „Nono“ – so Jovanovics Name im Buch – die dreizehnjährige Julijana entjungfert, mit der er gerade verheiratet wurde. „Los, mach, alle warten auf dich“, sagt die Oma, und vor der Tür lauert die Verwandtschaft und will den blutbefleckten Unterrock sehen. Denn Frauen, die nicht bluten, sind Huren.

Die Schriftstellerin stellt die Kinderehe als Tradition der Roma dar, aber der Mann, der ihr ja den Stoff für ihr Buch geliefert hat, widerspricht: „Wenn du das so hinstellst, muss ich das korrigieren.“ Er sei nämlich ein Einzelkind gewesen, und es gehöre zum System, dass die Kinder traditionell zusammengeführt werden, um später mal ihre Eltern zu ernähren.

Jovanovic gab zu, dass er lieber seine Autobiografie selbst geschrieben hätte, das sei ihm aber leider verwehrt worden. Auf die Frage aus dem Publikum „Ist das noch Ihre Geschichte?“ antwortete er, sich „zum Teil“ damit identifizieren zu können.

Im Publikum saß auch Hans Joachim Landzettel, jener Kinderarzt, der sich vor über 30 Jahren unentgeltlich um den kleinen Gianni und viele andere Roma-Kinder gekümmert hatte. Er sei stolz, dass es diese Vortragsveranstaltung gebe, sagte Landzettel. Damals habe er viel Gegenwind gespürt, man habe ihm sogar einen Umschlag mit Kot in Haus geschickt.

Eine prägende Zeit für den späteren Werdegang

Aber er habe auch Zustimmung erfahren, und andere Darmstädter hätten den Roma ebenfalls geholfen. Die Großfamilie von Jovanovic in Köln habe ihm bestätigt, dass die Zeit in Darmstadt für die Schulbildung der Kinder und ihren späteren Werdegang entscheidend war.

Die Lesung bekam eine besondere Note durch die Musikbeiträge der Romni (weibliche Form) Matilda Leko. Sie hat in Wien Jazzgesang studiert und trug mit rauer, klagender Stimme zur Klavierbegleitung Balladen und Lieder auf Romanes vor.

Quelle: Echo
Stand: 15.11.2016

France: Attack with firearms and Molotov cocktails against Roma over two nights – seven hospitalized, including a teenager

During the late night hours of Monday and early morning hours of Tuesday a group of assailants threw Molotov cocktails into one of the biggest Romani encampments in Marseille, France. More attacks targeted the same location during Tuesday night and the early morning hours of Wednesday. Many Romani people have been injured and seven have been hospitalized, including a 14-year-old. Earlier on Monday visitors to the encampment reportedly told the Roma to leave. The Molotov cocktails were thrown into a hall where approximately 100 people were gathered. Some Romani people also sustained buckshot wounds. Eyewitnesses told police they heard shooting. Agence France-Presse reports three people have been arrested in connection with the incidents. An eyewitness captured some of the events on video using his mobile telephone. The footage shows the silhouettes of people throwing Molotov cocktails into the building where the Roma are. News server LaProvence.com reports that police say one of the Tuesday night attacks was described to them by a neighbor of the encampment as taking place around midnight. „Somebody saw the flames of the Molotov cocktails and called the fire department,“ LaProvence.com quoted police as saying. There were many children in the encampment. „This is the most serious attack of this sort to have been committed in Marseille,“ Laurie Bertrand of the organization Doctors without Borders told LaProvence.com. The international human rights organization European Roma Rights Centre (ERRC) has begun to monitor investigation of the case. „The ERRC will be involved in monitoring the case to ensure the safety of the inhabitants, that the police investigation is thorough and unbiased, and that measures are taken to prevent racist hate crime from reoccurring,“ ERRC representatives posted to the organization’s Facebook profile.

Source: Romea.cz
Date: 19.08.2016

Antiziganismus-Fundstück in der TV-Serie „Constantine“

In der TV-Serie „Constantine“ in der Folge „The Darkness Beneath“, in der es um einen Dämonenjäger geht, werden auch uralte antiziganistische wieder aufgewärmt. So heißt es von Constantine:

„There is nothing blacker than gipsy magic.“

Die ‚Böse‘ in dieser Folge ist tatsächlich eine Romni, die nicht nur „schwarze Magie“ ausübt, sondern auch besonders lustvoll-verführerisch ist. Dazu ist sie auch in dieser Folge noch die Mörderin der ganzen Geschichte.
Drei Klischees in einer Folge.

Neue Adresse

Wir haben uns eine neue Emailadresse besorgt. Ihr erreicht uns nun über antizig [at] mtmedia [dot] org

Über die Jenischen, eine unbekannte Minderheit

„Wir campen nicht, wir wohnen. Warum lasst ihr uns nicht?“
jenische Familie

Wagen von Fahrenden

BILD: Schnappschuss aus Tübingen, kunstvoll verzierter Wagen von Fahrenden

Antiziganismus richtet sich im deutschsprachigen Raum nicht nur gegen Sinti und Roma, sondern kann sich auch gegen die Minderheit der Jenischen richten. Die Existenz dieser Minderheit ist in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik trotzdem kaum bekannt. Nicht selten werden sie mit Sinti oder Roma verwechselt.
Generell sind die Jenischen eine soziokulturelle Minderheit, deren Mitglieder sich teilweise auch als ethnische Minderheit verstehen. Es handelt sich um „eine transnationale europäische Minderheit, deren Wurzeln bis ins Mittelalter und möglicherweise noch weiter zurückreichen“.
Jenische sind bzw. waren eine Gruppe von Fahrenden, die sich nicht den Sinti und Roma zuordnen und über eigene Traditionen und eine eigene Verständigungssprache verfügen. Unklar ist Herkunft und Entstehung dieser Gruppe. Einer Theorie nach sind die Jenischen eine im Zuge der Bauernkrieg (1520-25) aus der Schweiz ausgewanderte Volksgruppe. Viele jenische Wörter stammen aus dem Romanes, aus der jüdischen Umgangssprache, dem Jiddischen und aus dem Rotwelschen. Allerdings ist Jenisch als Sprache an der Stufe zum Aussterben. Zwar wird Jenisch in Deutschland z.B. noch in Waldachtal, einem Ortsteil Lützenhardt, gesprochen bzw. zur Verständigung genutzt. Aber es gibt insgesamt wohl nur noch einige hundert, die diese Sprache bzw. ihren Wortschatz beherrschen.
Traditionell übten durch ihre fahrende Lebensweise die Jenischen bestimmte Berufe aus. Berufe wie das Altwarensammeln, verschiedene Formen von Wanderhandwerken (Kesselflicker, Scherenschleifer, Korbflechter etc.) und den Hausierhandel. Diese Berufe verdeutlichen auch die Stellung der Jenischen als marginalisierte Minderheit und ihre gesellschaftliche Deklassierung.
In der Mehrheitsgesellschaft wurden die Jenischen, auf Grund ihrer traditionell fahrenden Lebensweise, häufig als „Zigeuner“ wahrgenommen und angefeindet und manchmal auch als „weiße Zigeuner“ bezeichnet.

Interessanterweise entstanden Gruppen mit ähnlichem Charakter fast zeitgleich in Großbritannien („Traveller“), Irland („tinker“) und Frankreich („Gens de Voyage“). Auch sie stoßen auf starke Ablehnung der ansässigen Mehrheitsgesellschaft. So lehnten in einer Umfrage 75 % der englischen Bevölkerung ansässige Traveller in ihrer Nachbarschaft ab. Durch Auswanderung gibt es auch größere Gruppen von Traveller in den USA.

Besonders im deutschsprachigen Raum ist die Minderheit der Jenischen zu finden. In Österreich sollen 35.000 Jenischen leben, genau soviel in der Schweiz, wo sie vermutlich am besten organisiert sind. Weitere Länder mit Jenischen-Minderheiten sind Frankreich und Luxemburg. Es soll auch Jenischen in Ungarn und Weißrussland geben.
Was die Zahlen der Minderheit in Deutschland betrifft, so gibt es hier sehr unterschiedliche Angaben. Sie schwanken zwischen 8.000 und 250.000. Die Bundesregierung sprach von etwa 8.000 Jenischen. Bis zu 400.000 Menschen in Deutschland sollen jenischer Abstammung sein, die wenigsten dürften sich dessen allerdings bewusst sein. In ganz Deutschland sollen noch etwa 5.000 Personen noch jenischen Traditionen leben. Heute ist die große Mehrheit der Jenischen fest ortsansässig. Nur ein paar hundert sollen noch ganzjährig fahrend sein, d.h. in einem Wohnwagen leben. Eine ältere Schätzung nennt 8-10.000 „Landfahrer“ für die alten Bundesländer, worunter aber auch Kleinzirkusleute, Schausteller und fahrende Sinti mit erfasst sein dürften. Sowieso ist der Begriff „Landfahrer“ durch eine jahrzehntelange Kriminalisierung von Fahrenden durch Behörden unter diesem Begriff zu vermeiden.
Als wichtigste Interessenorganisation der Minderheit in der Bundesrepublik gilt der „Jenische Bund in Deutschland“, der nach Eigenangaben etwa 4.000 Mitglieder haben soll.
Siedlungsschwerpunkt ist Süddeutschland. Angeblich leben bis zu 120.000 Jenische in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Traditionell leben sie hier in einzelnen, kleineren Orten oder Vierteln. Die baden-württembergische Stadt Singen gilt als Hochburg der Jenischen, wo hunderte Menschen mit jenischen Selbstverständnis leben.

Verfolgung im Nationalsozialismus
Jenische sind eine vergessene und bis heute öffentlich nicht anerkannte Opfer-Gruppe des Nationalsozialismus.
Die Jenischen wurden im Nationalsozialismus häufig auf Grund ihrer Lebensweise als „Zigeuner-Mischlinge“ oder wegen ihrer Lebensweise „als Asoziale“ bzw. „nach Zigeunerart umherziehende Personen“ kategorisiert und verfolgt. Anfangs waren sie auf Grund ihrer Lebensweise auch Opfer der frühen Asozialen-Verfolgung im Nationalsozialismus. Später wurden sie auch wegen angenommener oder tatsächlicher Sinti-Vorfahren verfolgt und ermordet.
Manchmal wurden die jenischen NS-Opfer im „Dritten Reich“ aber auch als Jenischen benannt. So wurden bei den deportierten „Kindern von Mulfingen“ die Jenischen-Kinder auch als Jenischen benannt, während die Opfer dieser Deportationen in der Geschichtsschreibung zumeist nur als Sinti benannt wurden.
Im NS-Deportationserlass gegen Sinti und Roma von 1943 wurden sie dagegen nicht noch einmal gesondert erwähnt.
Jenische NS-Opfer sind teilweise auch anhand ihres Wohnortes erkennen. Beispielsweise, wenn die Opfer aus Fichtenau im Kreis Schwäbisch Hall stammten, wo heute noch 50 Familien mit jenischem Stammbaum leben. Allein aus diesem kleinen Ort wurden fünf Jenische im KZ umgebracht.
Viele wurden ermordet oder zwangssterilisiert, die genaue Zahl der Opfer aus dieser Minderheit ist unbekannt. Schätzungen gehen von bis zu 100.000 Opfern aus. Timo Adam Wagner, ein Minderheiten-Vertreter gab an, fast jede zweite Familie habe Opfer zu beklagen gehabt, „meist sogar mehrere“.

In der Schweiz wurden die Jenischen zwar nicht wie im Nationalsozialismus verfolgt und umgebracht, aber es wurden ihnen durch eine staatliche Behörde mit Zwang hunderte Kinder weggenommen.

Antiziganistischer Stinkstiefel für den Februar 2014

Der Antizig-Watchblog verleiht seit dem Dezember 2011 im monatlichen Turnus die Negativ-Auszeichnung „Antiziganistischer Stinkstiefel“. Diese Auszeichnung geht an Personen des öffentlichen Lebens, Organisationen oder andere Institutionen, die sich öffentlich besonders antiziganistisch geäußert haben, ein antiziganistisches Klischee bedient haben oder Antiziganismus verharmlosen.
Für den Februar 2014 geht der Stinkstiefel an den baden-württembergischen Innenminister Reinhold Gall von der SPD stellvertretend für seine Behörde.
Screenshot EG-Umfeld-Bericht
In der vom Innenministerium Baden-Württemberg unter seiner Verantwortung herausgegebenen Schrift „Bezüge der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) nach Baden-Württemberg“ vom 29.01.2014 wird auch auf die Vorwürfe gegen die Behörden bezüglich antiziganistischer Stereotype eingegangen. Nach dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn durch Neonazis wurde die Minderheit in haltloser Weise von Polizei und Justiz als potentielle Täter öffentlich stigmatisiert. Es war die Sprache von einer „heiße[n] Spur ins Zigeunermilieu“. Dafür hatte sich der Innenminister Gall öffentlich entschuldigt. Die Passage in dem Text „Bezüge der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) nach Baden-Württemberg“ fällt hinter diese Entschuldigung zurück. Auf den Seiten 74 und 75 heißt es:

Mit den heutigen Erkenntnissen aus der Retrospektive – wie im Zusammenhang mit der Soko Parkplatz teilweise verlautbart – den ermittelnden Kriminalbeamtinnen und Kriminalbeamten diskriminierende Motivation bei der Bearbeitung einzelner Spurenlagen zu unterstellen, ist nicht gerechtfertigt und wird der Komplexität und dem Umfang solcher strafprozessualer Ermittlungen bei Kapitaldelikten nicht gerecht. […] Dass sich entsprechende Hinweise, kriminalistische Hypothesen oder auch Verdachtslagen im Zuge der laufenden Ermittlungen nicht bestätigen können, ändert an der Sache im Ergebnis nichts. Das ist für die Beteiligten sicherlich nicht angenehm und macht betroffen, aber die Strafprozessordnung sieht dies so vor. […] Die Polizei ist verpflichtet, bei entsprechenden Hinweisen zu ermitteln, hierbei wird aber nicht gegen Gruppen, sondern zu konkreten Hinweisen und Spuren, insbesondere zu Tatverdächtigen, ermittelt. […] Eine gezielte, die Sinti und Roma diskriminierende Medienstrategie der Polizei gab es nicht. Diese Bewertung wurde im Januar 2014 bei einer Besprechung im Innenministerium Baden-Württemberg auch mit Vertretern des Zentralrates der deutschen Sinti und Roma erörtert.

Damit ist der Text uneinsichtig, dass bei der Ermittlung rassistische Annahmen eine Rolle gespielt haben. Dass zeigt schon die Verwendung der Begrifflichkeit ‚Zigeuner‘, die von der Mehrheit der Minderheit als beleidigend empfunden wird. Um das noch einmal zu verdeutlichen, darf gefragt werden, ob als ‚deutsch‘ betrachtete ZeugInnen vom Tatort in irgendeiner Weise über ihre Herkunft definiert wurden. Davon ist nichts bekannt. Kein Wort von einer „heißen Spur ins deutsche Milieu“.
Am Ende des Textes wird zudem ausdrücklich jeder Verbesserungsbedarf bei der Polizei in Bezug auf Rassismus zurückgewiesen:

Zu den in Baden-Württemberg bereits umgesetzten Maßnahmen wird auf die Darstellung in Kapitel VII. verwiesen. Bezogen auf die Empfehlungen für den Polizeibereich zielen einige Vorschläge auf einen angeblich notwendigen, grundlegenden Einstellungswandel. Diese unterstellen und suggerieren hierdurch – zumindest teilweise – die unausgesprochene Grundannahme eines „institutionellen Rassismus“ in der Polizei. Diese Annahme ist für die Polizei Baden-Württemberg zurückzuweisen.

Antiziganistischer Stinkstiefel für den Oktober 2013

Der Antizig-Watchblog verleiht seit dem Dezember 2011 im monatlichen Turnus die Negativ-Auszeichnung „Antiziganistischer Stinkstiefel“. Diese Auszeichnung geht an Personen des öffentlichen Lebens, Organisationen oder andere Institutionen, die sich öffentlich besonders antiziganistisch geäußert haben oder ein antiziganistisches Klischee bedient haben.
Für den Oktober 2013 geht der Stinkstiefel an diejenigen deutschen Medien, die dabei geholfen haben jahrhundertealte antiziganistische Denk- und Handlungsmuster aufzugreifen und weiterzugeben.

Man stelle sich vor jemand kommt und nimmt einem das Kind weg. Einfach so. Genauso geschah es in Griechenland. Konkret geht es um einen Fall in Griechenland bei dem einer Roma-Familie die Tochter weggenommen wurde und die Eltern inhaftiert unter der Begründung diese ähnle ihren Eltern zu wenig auf Grund ihrer heller Hautfarbe. Dass Roma-Kinder auch hellere Haut- und Augenfarbe haben können, ist nach dem rassistischen „Zigeuner-Bild“ ausgeschlossen. Sicher, viele Roma haben eine dunklere Haut-, Augen- und Haarfarbe, was sie für gewalttätige Straßenfaschist*innen leichter erkennbar und zur Zielscheibe macht. Trotzdem finden sich auch hier viele andere Variationen von Aussehen unter Roma-Angehörigen. Der Rassismus fängt auch da an, wo Menschen sagen, dass Angehörige von Minderheiten soundso aussehen ‚müssen‘.
Wenn die Kinder von Eltern ihren Eltern mutmaßlich nicht biologisch abstammen, dann kann das viele Gründe haben. Wohl nur die Roma-Minderheit wird in solchen Fällen konsequent mit einem Generalverdacht überzogen. Würde man weiße Eltern mit einem schwarzen Kind unter Generalverdacht stellen? Sicher nicht.
Auf die Idee das Kind einmal selber zu fragen, ob es Probleme habe, kam offenbar auch niemand. Die deutschsprachigen Medien spielten ihre Rolle in diesem antiziganistischen Schmierentheater überzeugend. Die BILD schrieb: „Kind (4) aus Roma-Lager befreit“.
BILD hetzt gegen Roma
Eine Hysterie nach dem Vorurteilsbild „Hilfe, die Zigeuner klauen kleine Kinder“ entwickelte sich. Ein jahrhundertalter Mythos verfestigte sich wieder. Ursprünglich war dieser Mythos übrigens gegen die jüdische Minderheit gerichtet und wurde erst später auf Roma übertragen.

Auch die irische Polizei verfuhr offenbar ähnlich wie die Behörden in Griechenland. Sie entzog zwei Roma-Familien fälschlicherweise ihre hellhäutigen Kinder. Martin Collins von der Organisation „Pavee Point“, die sich in Irland um die Rechte von Sinti und Roma sowie der Irish Travellers kümmert, kritisierte, die Kinder seien von den Behörden „regelrecht entführt“ worden. Genau, dass ist der Kern und die traurige Wahrheit. Die Kinder der Roma-Minderheit werden von Vertreter*innen der Mehrheitsgesellschaft entführt und nicht anders herum. Früher geschah das systematisch, heute sind es (noch?) Einzelfälle.

Antiziganistischer Stinkstiefel für den September 2013

Der Antizig-Watchblog verleiht seit dem Dezember 2011 im monatlichen Turnus die Negativ-Auszeichnung „Antiziganistischer Stinkstiefel“. Diese Auszeichnung geht an Personen des öffentlichen Lebens, Organisationen oder andere Institutionen, die sich öffentlich besonders antiziganistisch geäußert haben oder ein antiziganistisches Klischee bedient haben.
Für den September 2013 geht der Stinkstiefel an den menschenrechtspolitischen Sprecher der FDP, Markus Löning. Dieser meinte unlängst: „Zu uns kommen nicht nur Sinti und Roma, es kommen auch Akademiker und Studenten.“
Aha, Sinti und Roma können also nach Löning keine Akademiker*innen sein.

Antiziganistischer Stinkstiefel für den Juni 2013

Der Antizig-Watchblog verleiht seit dem Dezember 2011 im monatlichen Turnus die Negativ-Auszeichnung „Antiziganistischer Stinkstiefel“. Diese Auszeichnung geht an Personen des öffentlichen Lebens, Organisationen oder andere Institutionen, die sich öffentlich besonders antiziganistisch geäußert haben oder ein antiziganistisches Klischee bedient haben.
Für den Juni 2013 geht der Stinkstiefel an den Kölner Kardinal Joachim Meisner, der vom Spiegel auch als „Gotteskrieger vom Rhein“ bezeichnet wird.
In einer Ausgabe vom „Kölner Stadtanzeiger“ vom 10. April 2013 hatte Meisner erklärt, Roma seien „in unsere Zivilisation nicht zu integrieren“. Außerdem behauptete Meisner, nach seinen Erfahrungen in der Slowakei „bekomme manche Frau jedes Jahr ein Kind“, und lebe vom Kindergeld.
Sowohl die Einordnung der Romo-Minderheit jenseit „unserer Zivilisation“, als auch die Problematisierung von Kinderreichtum bei Roma-Familien – in einer Zeit in der immerzu Kinderarmut in Deutschland beklagt wird – ist antiziganistisch.