Archiv der Kategorie 'Beiträge auf Deutsch'

Wie Rumänien im Kampf gegen Masern versagt

Rumäniens Unvermögen, einen tödlichen Masernausbruch zu verhindern, ist eine Geschichte der Selbstgefälligkeit, Stümperei und Diskriminierung. Und ein abschreckendes Beispiel für Europa.

Karla wurde nie gegen Masern geimpft. Ihr Gesundheitszustand erlaubte es nicht. Sie kam mit einem angeborenen Speiseröhrenverschluss auf die Welt und verbrachte ihre frühe Kindheit immer wieder im Spital – häufig mit Lungenentzündung. Während eines Routineaufenthalts im Louis-Ţurcanu-Kinderkrankenhaus in Temeswar im Westen Rumäniens lag das Kind im selben Stockwerk wie ein an Masern erkranktes Mädchen. Binnen Kurzem bekam Karla Fieber.

Sie wurde in das Krankenhaus für Infektionskrankheiten und Pneumologie Dr. Victor Babeş auf der anderen Seite der Stadt verlegt. Dort gab es so viele Masernpatienten, dass Karla zunächst auf einer Erwachsenenstation untergebracht werden musste. Ihr Zustand verschlechterte sich, das Fieber stieg auf 42 Grad Celsius.

In der Nacht des 18. Dezembers 2016 begann sie so heftig zu jammern, wie es ihre Mutter Florentina Marcusan noch nie gehört hatte. Sie bekam einen Ausschlag im Gesicht und auf der Brust. Kurz nach 8 Uhr früh, als eine Krankenschwester Karla eine Injektion verabreichte, begann der Kopf des Mädchens zu zucken. Während die Krankenschwester Hilfe holte, hielt Marcusan ihr Kind in den Armen. „Als ich sah, dass sie nicht mehr reagierte, geriet ich in Panik und legte sie hin, weil ich wusste, dass sie gestorben war – in meinen Armen“, erinnerte sie sich. (mehr…)

Zwei Menschen sterben bei erneutem Brand in Problemviertel

Zwei Tote, ein Schwerletzter und drei Leichtverletzte: Nach dem Feuer am Montag an der Dürerstraße ermittelt die Polizei in alle Richtungen.

Plauen. Woher kommt diese dunkle Rauchwolke am Himmel? Karsten Grundmann (47) sitzt im Auto und wundert sich. Da entdeckt er in der Dürerstraße einen qualmenden Dachstuhl. Um Viertel nach neun Uhr morgens wählt er den Notruf, rennt mit zwei Passanten durchs Haus, hämmert an Türen, ruft nach Bewohnern. „Wir waren fast ganz oben, aber da war alles voll Rauch“, schildert er. „Da konnte man nicht hin.“ Kaum zehn Minuten später sind die meisten Menschen unverletzt aus dem Haus raus. Einer von ihnen, ein blasser junger Mann, steht noch wie versteinert am Straßenrand. Das Bollern an der Tür habe ihn geweckt, sagt er.

„Zur Brandursache ermitteln wir in alle Richtungen“, so Polizeisprecher Oliver Wurdak. Die Löscharbeiten liefen am Montag noch bis in den späten Nachmittag. Erst wenn das Haus sicher genug ist, können Spezialisten sich auf die Suche nach der Ursache des Feuers machen, das im Dachgeschoss ausgebrochen war.

Die Polizei meldete am Montag zwei Tote, einen Mann und eine Frau. Wer sie sind und wie sie ums Leben kamen, steht noch nicht fest. Eine Obduktion im Vogtland-Klinikum soll Aufschluss bringen. Ein Mann (23) erlitt schwere Verletzungen, zwei Frauen (33 und 41) und ein Jugendlicher (17) wurden leicht verletzt. Alle vier kamen ins Krankenhaus, der Schwerverletzte wurde später in eine Leipziger Spezialklinik gebracht. Nach Angaben aus dem Plauener Rathaus und dem Landratsamt handelt es sich bei den vier Verletzten um Deutsche. Die Toten und der 23-Jährige wurden laut Polizei in der Dachgeschoss-Wohnung gefunden. Dort sind laut Stadtverwaltung sechs Deutsche gemeldet, im ganzen Haus 36 Menschen. Unklar ist, wie viele Menschen am Montagfrüh aus dem Haus an der Dürerstraße geflüchtet sind. Helfer Karsten Grundmann schilderte seine Eindrücke: „Aus dem Haus kamen Leute über Leute raus. Oben waren viele junge Deutsche – und viele Tiere. Hunde und Katzen.“ Sechs tote Hunde wurden am Nachmittag geborgen, wie Stadtverwaltung und Landkreis mitteilten.

In dem Mietshaus lebten viele Rumänen und Slowaken. Zahlreiche Roma fanden dort Unterschlupf, nachdem ihr Haus an der nahen Trockentalstraße kurz vor Silvester angezündet worden war. Dabei wurden mehrere Menschen teils sehr schwer verletzt.

Die am Montag obdachlos gewordenen Familien können in Notunterkünften an der Hammerstraße und in Netzschkau unterkommen. „Jetzt greift der kürzlich erarbeitete Einsatzplan der Stadt für die Unterbringung der Bewohner“, sagte Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP).

Bereits im Januar hatten Hausbewohner von Männern im Keller berichtet. Sie vermuteten, dass diese einen Brandanschlag vorbereiten wollten. Laut Polizei gab es dafür keine Hinweise.

Im Fall des Brandanschlags von Ende Dezember ist der Hauptverdächtige inzwischen wieder auf freiem Fuß, gilt aber weiter als Beschuldigter. Die Spurenlage sei nicht eindeutig, begründete die Staatsanwaltschaft die Freilassung des 25-Jährigen. Der Mann war kurz nach dem Brand an der Trockentalstraße festgenommen worden. Bis Oktober lebte der Plauener selbst in dem Haus. Die Staatsanwaltschaft hatte als Motiv einen Streit mit dem Eigentümer angenommen. „Wir gehen von einem persönlichen Motiv aus, nicht von Fremdenfeindlichkeit“, so Staatsanwalt Jürgen Pfeiffer.

Der Mann ist nach wie vor im Visier der Ermittler. Für einen Zusammenhang zwischen den Bränden gebe es bislang keine Anhaltspunkte, sagte Polizeisprecher Wurdak.

Seit Jahresbeginn gab es in dem Haus an der Dürerstraße laut Landratsamt drei Einsätze von Polizei und Jugendamt. Grund war jedes Mal ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung. Bestätigen ließ er sich jedoch nicht.

Quelle: Freie Presse
Stand: 06.02.2018

Nationalisten brennen linkes Hausprojekt nieder

In Thessaloniki greifen Neonazis linke und antinationale Projekte an

Hunderttausende beteiligten sich am Sonntag an einer Großkundgebung im nordgriechischen Thessaloniki, die sich gegen die Nutzung des Wortes Mazedonien durch die benachbarte ehemalige jugoslawische Teilrepublik richtete. Die nördliche Region Griechenlands trägt ebenfalls den Namen Mazedonien. Am Rande der patriotischen Versammlung fanden faschistisch motivierte Angriffe auf zwei besetzte Häuser statt. Vermummte verübten einen Brandanschlag auf die anarchistische Besetzung »Libertatia«. Wie Videos zeigen, schritt die anwesende Polizei nicht ein. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude brannte völlig aus.

Am Freitag hatte Griechenland mit der »Ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien« (»Former Yugoslav Republic of Macedonia«, FYROM) in New York erneut Verhandlungen im Namensstreit begonnen. Kritiker wie die rechte Politikerin Maria Kollias-Tsaroucha (ANEL) werfen FYROM vor, eine falsche Nationalidentität zu schaffen. Unter dem Motto »Mazedonien ist griechisch« versammelten sich am Nachmittag nach Schätzungen der Polizei etwa 90 000 Menschen aus ganz Griechenland an der Hafenpromenade in der Nähe des Weißen Turms. Gegner der nationalistischen Kundgebung hatten das Wahrzeichen in der Nacht zum Sonntag mit Parolen wie »Eingeschlafen als Patriot, aufgewacht als Faschist« besprüht. Außerdem organisierten anarchistische Gruppen eine Gegendemonstration, an der sich etwa 300 Personen beteiligten.

Die griechisch-orthodoxe Kirche, die viele der rund 400 angereisten Busse organisiert hatte, veranstaltete vor der Kundgebung einen Gottesdienst. Neben Vertretern der konservativen Opposition Nea Dimokratia und dem Koalitionspartner von Tsipras, der rechtspopulistischen ANEL, beteiligte sich ein großer Block mit ultrarechter Prominenz wie der ehemalige Generalstabschef der Griechischen Armee Frangos Frangoulis, der in einer Rede die Nachbarn als »Zigeuner von Skopje« ansprach. Starke Präsenz zeigte die neonazistische Partei Chrysi Avgi, die seit 2012 im Parlament vertreten ist, mit ihrem Parteisprecher Ilias Kasidiaris. Im Verlauf der Demonstration wurde am Sonntag Mittag das Denkmal der ermordeten Juden Thessalonikis am Platz der Freiheit (Platia Elefteria) mit »Chrysi Avgi« beschmiert.

Die parallel stattfindenden Angriffe auf zwei der nunmehr fünf besetzten Sozialen Zentren ist ein herber Schlag gegen die linke Infrastruktur der Stadt. Kurz vor dem Start der Kundgebung warfen Vermummte vor den Augen der untätigen MAT-Beamten – Spezialeinheit, die bei Demos zum Einsatz kommt – Steine gegen das »Soziale Zentrum Scholio« (Schule). Doch die im Gebäude Anwesenden konnten den Angriff erfolgreich abwehren. Wenig später wurde auch eine kleine Gegenkundgebung von etwa 150 Rechten angegriffen. Diesmal setzte die Polizei Tränengas ein, um ein Aufeinandertreffen der Gruppen zu verhindern.

Quelle: neues Deutschland
Stand: 06.02.2018

Leipzig-Abtnaundorf: Gedenktag für Opfer des Nationalsozialismus

Gedenken zum 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz ist sehr wichtig! Aber Vorsicht! Nicht um jeden Preis mit jedem der da kommen will …

Vorsicht vor Heuchlern!

Am 27. Januar 2018 haben an der Gedenkstätte in Leipzig Abtnauendorf der Oberbürgermeister, zahlreiche Stadträte von SPD, Die Grünen, Die Linke, CDU und Vertreter eines Leipziger Roma-Verein (sozusagen auf Augenhöhe) gemeinsam mit einem offiziellen Vertreter der AfD, ein nach rechts offenes, gemeinsames Gedenken an die Opfer der NS Diktatur durchgeführt.

Aufrichtige Menschen sollten es nicht dulden, dass dieses oder ein anderes solches Denkmal von der AfD, NPD, …, von Neurechten und Querfrontler missbraucht wird.

„Wehret den Anfängen!“ – doch was ist, wenn der Anfang schon gemacht ist…

Richard Gauch,
Preisträger des „Christel-Hartinger-Preis für Zivilcourage und beherztes Engagement“ der RLS – Sachsen 2017 sowie Couragepreisträger „Couragiert in Leipzig“ 2013

Bilderreihe unter: MDR

Prozess der Woche: Der Hetzer, der im Fall Elias Sinti und Roma böswillig beschimpfte

Der sechsjährige Elias aus Potsdam war noch nicht lange verschwunden, und viele Menschen bangten um das Schicksal des Jungen aus dem Potsdamer Stadtteil Schlaatz, da begannen im Internet auch schon die Diffamierungen.

Vor allem ein Mann fiel auf: Simon K. Auf der Seite der öffentlichen Facebook-Gruppe „Suche Elias“ soll der Mann aus Potsdam am 11. Juli 2015 – also drei Tage nach dem Verschwinden des Jungen – seine Hetze verbreitet haben. „Dreckige Romas diese Inzest Missgeburten, entführen wohl auch Kinder!“ kommentierte er. Einem Leser fiel der Post auf. Er zeigte Simon K., der den Kommentar unter seinem Klarnamen veröffentlicht hatte, an. Ebenso die Facebook-Nutzer, die den Post geliked hatten.

Am kommenden Mittwoch muss sich Simon K. wegen seiner geschriebenen Worte vor dem Amtsgericht in Potsdam verantworten. „Die Anklage wirft dem Mann Volksverhetzung vor“, sagt ein Sprecher des Amtsgerichts. (mehr…)

Paul „Sido“ Würdig: „Wir wurden Zigeunerpack genannt“

Der Rapper mit den Sinti-Wurzeln redet im Interview über Antiziganismus, sein Familienleben und Rap für Erwachsene.

Die Hochzeit mit seiner Frau Charlotte, mit der er zwei Kinder hat, hat ihn verändert. „Ich bin ein Familienmensch“, sagt der Berliner Rapper Paul „Sido“ Würdig. Im Film „Eine Braut kommt selten allein“ (Das Erste, 20.15 Uhr) spielt er nun den Hartz-IV-Empfänger Johnny. Dessen Leben ändert sich schlagartig, als er die attraktive Romni Sophia trifft. Die quartiert kurzerhand ihre Familie bei ihm ein. Für Sido, der selbst Sinti-Wurzeln hat, war der Dreh eine „Herzensangelegenheit“.

Was ist Ihre Filmfigur für ein Typ?

Würdig Ein Verlierer. Sein Problem ist das Kiffen. Manche Menschen werden dadurch antriebslos. Johnny ist einer davon. Und er kann verdammt schlecht Nein sagen.

Fällt Ihnen das privat auch schwer?

Würdig Nee, im Gegenteil: Ich kann sehr gut abwägen, was gut und was schlecht für mich ist. Dass ich eine ganze Roma-Familie bei mir einquartiere, kann mir nicht passieren (lacht). Aber sehr wahrscheinlich würde ich ihnen meine Hilfe anbieten.

Der Film behandelt das Leben von Sinti und Roma in Deutschland. Wurden Sie schon einmal diskriminiert?

Würdig Ich selbst nicht. Ich bin ja ziemlich hellhäutig geraten. Aber meine Mutter wurde früher wegen ihrer dunklen Hautfarbe als „Neger“ oder „Kanake“ beschimpft. Als wir ins Märkische Viertel zogen, änderte sich das. Dort wohnten viele Migranten. Alle steckten in derselben Lage.

Und heute?

Würdig Seit wir im Berliner Randbezirk wohnen, hören wir es wieder häufiger. Dort ist man noch nicht so auf „fremde Menschen“ eingestellt. Vor einiger Zeit bekamen wir einen Brief, in dem wir als „Zigeunerpack“ betitelt wurden. Mir ist das egal. Aber meiner Mutter geht das sehr nahe.

Wird Antiziganismus Ihrer Meinung nach in Deutschland ausreichend thematisiert?

Würdig Ich denke, es wird zu wenig über Diskriminierung von Sinti und Roma gesprochen. Das ist eine Randgruppe der Randgruppen, die sehr wenig Aufmerksamkeit bekommt.

Wie halten Sie privat die Balance zwischen Job und Familienleben?

Würdig Ich teile mir das gut ein. Ich arbeite gerne und bin fleißig. Aber ich nehme mir auch sehr viel Zeit für die Familie.

Hat sich das bei Ihnen mit den Kindern verändert?

Würdig Meinen ersten Sohn hatte ich ja schon mit 19. Ich denke eher, die Hochzeit hat mich verändert, das Haus, die Ruhe. Ich bin ein kompletter Familienmensch.

Würden Sie irgendwann Sido Sido sein lassen, um mehr Zeit für die Familie zu haben?

Quelle: RP Online
Stand: 12.12.2017

Würdig Mit Sido ist es irgendwann eh vorbei. Und dann höre ich von alleine auf zu singen. Ich werde dem Ruhm nicht hinterherrennen.

Fühlen Sie sich zu alt für Rap?

Würdig Es gibt auch einen HipHop, den wir Älteren machen können. Aber er muss erwachsener sein, nachdenklicher. Rappen kann man immer. Man muss sich nur selbst treu bleiben.

Roma-Day in Berlin: Aufstehen gegen Rassismus und Nationalismus

Mehr als 70 Jahre nach dem Genozid an Sinti und Roma gehören massive Diskriminierung und Ausgrenzung für beide Minderheiten immer noch zum Alltag. In Berlin kamen daher zum „Romaday“ Angehörige beider Gruppen sowie Vertreter aus Politik und Gesellschaft zusammen, um nach neuen Lösungsansätzen für die Praxis zu suchen.

Holocaust. Shoa. Fast jeder kennt diese Begriffe: Sie stehen für den Völkermord an den europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland. Aber wie vielen Deutsche sagt der „Porajmos“ etwas? Der Ausdruck bedeutet übersetzt „Das Verschlingen“ und ist eine Bezeichnung für die systematische Ermordung von Sinti und Roma während der NS-Zeit in Deutschland und Europa. Die geschätzten Opferzahlen schwanken zwischen 200.000 bis hin zu einer halben Million Menschen. Sicher aber ist: Es war ein Völkermord. Ein Völkermord, der erst 1982 durch die sozialliberale Koalition von Kanzler Helmut Schmidt anerkannt wurde. Vor gerade einmal fünf Jahren wurde den Opfern ein Denkmal im Berliner Tiergarten gewidmet. (mehr…)

Roma-Gedenkstätte ersetzt Schweinemast

Jahrzehntelang steht in Lety bei Prag eine Schweinemast auf einem früheren NS-Lagergelände. Nun kauft der tschechische Staat den Betrieb auf, um ein würdiges Gedenken zu ermöglichen. Am Donnerstag wurde der Kaufvertrag unterzeichnet.

Mehr als 13 000 Schweine dort, wo Hunderte Roma im Zweiten Weltkrieg von den Nazis ermordet wurden: Für die wenigen Überlebenden und Nachfahren der Opfer des NS-Lagers Lety im heutigen Tschechien ist es eine unerträgliche Vorstellung, dass sich auf dem Gelände seit Jahrzehnten eine Schweinemast befindet. Wo die Baracken standen, sind graue Ställe. Doch nun gibt es definitiv eine Lösung für das Problem. Am Donnerstag unterzeichnete Tschechiens Kulturminister Daniel Herman den Kaufvertrag für den Agrarbetrieb, wie eine Sprecherin mitteilte. (mehr…)

Hass und Antiziganismus in Bulgarien

In Bulgarien wurde der Vizeregierungschef Waleri Simeonow wegen einer Hassrede gegen Roma verurteilt. Seinen Posten musste er aber trotzdem nicht räumen. Vorurteile gegen Roma sind im Land weit verbreitet.

Es war eine doppelte Premiere für Bulgarien: Das Kreisgericht in der bulgarischen Schwarzmeerstadt Burgas verurteilte in der ersten Instanz den Vizeregierungschef Waleri Simeonow wegen einer Hate Speech gegenüber der Roma-Minderheit im Lande. Einerseits waren bisher die bulgarischen Gerichte sehr zögerlich, wenn es um Hassreden gegen Roma ging. Gleichzeitig wurde bislang in Bulgarien noch nie ein stellvertretender Regierungschef verurteilt, schon gar nicht wegen eines solchen Deliktes. Eine Stellungnahme der Regierung dazu blieb allerdings aus und Simeonow behielt seinen Posten, trotz der Proteste von elf Roma-Organisationen. Simeonow selbst gab nur bekannt, dass er in die Berufung gehen werde.

Verurteilt wurde er wegen einer Rede im bulgarischen Parlament am 17. Dezember 2014. Der 62-jährige Politiker, Geschäftsmann und Medienunternehmer sagte über die Roma unter anderem: „Es sind dreiste, wild gewordene menschenähnliche Wesen, die auf Lohn ohne Arbeit bestehen und die das Krankengeld kassieren, ohne krank zu sein. Die das Kindergeld bekommen für Kinder, die auf der Straße mit den Schweinen spielen, und für Frauen mit einem Instinkt von Straßenhündinnen.“ (mehr…)

Ausgrenzung unter Christen: Ressentiments gegen „Zigeuner“ sind älter als die Reformation

Sinti und Roma werden vom Rest der Bevölkerung in der Regel abgelehnt. Auch überzeugte Christen lehnen sie ab, obwohl die meisten Sinti und Roma christlich sind. Der Zentralrat der Sinti und Roma wollte es genauer wissen und hat ein Gutachten in Auftrag gegeben.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Während im großen Saal des Hauses der EKD am Berliner Gendarmenmarkt über Antiziganismus und Protestantismus diskutiert wird, steht draußen – direkt neben dem Fahrstuhl – Martin Luther auf einem Sockel. Der Begründer der evangelischen Kirche ist an den Vorurteilen gegenüber den „Zigeunern“ nicht ganz unschuldig, macht Verena Meier deutlich. Die Historikerin, die das Gutachten erstellt hat, zitiert aus einer Schrift des Reformators von 1543:

„‚Die itzigen Juden müssten sein eine grundsuppe aller losen, bösen Buben, aus aller Welt zusammengeflossen, die sich gerottet und in die Lender hin und her zerstrewt haben, wie die Tattern oder Zigeuner und dergleichen, die leute zu beschweren mit wucher, die Lender zu verkundschaffen und zu verrathen, wasser zu vergiften und brennen, kinder zu stelen und allerlei meuchel schaden zu thun.‘ Und diese Aussage finde ich ganz spannend, weil sich da Querverbindungen zwischen Antisemitismus und Antiziganismus zeigen.“

Doch das Ressentiment gegen die „Zigeuner“ ist älter als die Reformation. Bereits auf dem Freiburger Reichstag von 1498 wurden Sinti und Roma, deren Vorfahren aus Indien eingewandert waren, als Spione der feindlichen Türken dargestellt. Der Vorwurf verschwand zwar mit der Zeit, doch das Bild vom fahrenden und arbeitsscheuen Volk blieb – und so wurden Sinti und Roma im 19. Jahrhundert zum Objekt missionarischen und pädagogischen Handelns der Kirche.

Die so genannte „Zigeunermission“ bestand weniger darin, die Sinti und Roma zu bekehren – die meisten waren längst Christen – als sie vielmehr zur Arbeit zu erziehen. Inwieweit diese paternalistische Haltung auch in den theologischen Schriften angelegt ist, lässt das Gutachten offen. „Umfassende Studien zum Verhältnis von protestantischer Arbeitsethik und Antiziganismus fehlen gänzlich“, heißt es dort. Doch egal ob theologisch begründet oder nicht: „Wir brauchen keinen Paternalismus“, betont der Vorsitzende des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose.

„Das ist das erste, was die Kirche sehr oft in ihren Traditionen hatte. Wir brauchen ein Miteinander auf Augenhöhe und wir brauchen das Eingeständnis, dass man damals versagt hat. Es gibt das Stuttgarter Schuldbekenntnis, das richtet sich ja, dass man jüdische Menschen damals nicht geschützt hat, aber die Kirchen, die verstrickt waren, auch in Bezug auf die totale Vernichtung unserer Minderheit, hat uns in dieses Schuldbekenntnis nicht mit einbezogen.“

Das dunkelste Kapitel des Antiziganismus

Die Vernichtung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus ist das dunkelste Kapitel des Antiziganismus. Es gibt zwar bislang keine verlässlichen Angaben über die Zahl der Opfer – Historiker gehen von 200.000 bis 500.000 Ermordeten in ganz Europa aus – doch dass es ein Völkermord war, ist unstrittig. Ähnlich wie die Juden galten die „Zigeuner“ als „artfremd“ und wurden vielfach nicht nur staatlich, sondern auch religiös ausgegrenzt. So erklärte die Sächsische Evangelisch-Lutherische Landessynode im Dezember 1933:

„Die Volkskirche bekennt sich zu Blut und Rasse, weil das Volk eine Bluts- und Wesensgemeinschaft ist. Mitglied der Volkskirche kann daher nur sein, wer nach dem Rechte des Staates Volksgenosse ist.“

Und auch diejenigen Landeskirchen und Gemeinden, die nicht lautstark auf die Linie der Nationalsozialisten einschwenkten, kollaborierten meist. Sie stellten den Rassebiologen ihre Kirchenbücher zur Verfügung: oft die einzige Quelle, aus der hervorging, wer Sinti und Roma unter seinen Vorfahren hatte. Widerstand gegen die Deportationen gab es dagegen so gut wie gar nicht – auch die Bekennende Kirche schwieg.

Ein Schweigen, das bis heute weitgehend anhält, wenn es um den Umgang mit Antiziganismus geht. Es fehlt an umfassenden Forschungen, lautet eine zentrale Aussage des Gutachtens. Die Aufarbeitung der Diskriminierungsgeschichte der Sinti und Roma scheint für Kirchenhistoriker keine besondere Bedeutung zu haben. Der damalige EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber bekannte 2004 zwar eine Mitschuld der Kirchen am Völkermord an den Sinti und Roma, doch eine weitgehendere Auseinandersetzung mit dem Antiziganismus ist daraus nicht hervorgegangen.

Keine Gespräche mit Sinti und Roma

Wenn aber der Völkermord an den Juden und an den Sinti und Roma der gleichen Aufmerksamkeit bedarf, warum gibt es in der evangelischen Kirche dann seit Jahrzehnten einen christlich-jüdischen Dialog aber kein regelmäßiges Gespräch mit Sinti und Roma, fragte die Historikerin Susanne Willems bei der Vorstellung des Gutachtens – und versuchte selbst eine Antwort zu geben.

„Meine These dazu ist, dass die Voraussetzung ist, dass wir als evangelische Angehörige der Mehrheitsgesellschaft das ‚Nur-Deutsche-Sein‘ als Defizit begreifen müssen, wenn wir uns Angehörigen von Minderheiten zuwenden, die nicht nur ‚Nur-Deutsche‘ sind, sondern mehr als ‚Nur-Deutsche‘“.

Ob es für den Dialog ein solches Eingeständnis braucht, ist allerdings fraglich. Die evangelische Landeskirche in Württemberg geht seit Jahren einen anderen Weg. Sie hat die Stelle eines Beauftragten für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma geschaffen. Gemeinsam mit einem Vertreter der Minderheit geht er regelmäßig in Schulen. Es ist wichtig, den Bildern und Klischees die Begegnung entgegenzusetzen, sagt der Leiter des Referates für Mission, Ökumene und Entwicklung in der evangelischen Landeskirche Württemberg, Klaus Rieth.

„Dass die Schüler zum ersten Mal einen wirklichen Anhänger dieser Gruppe sehen, mit ihm sprechen können und da passiert enorm viel, weil da merkt man dann, da ist jemand, der ist wie ich, wie mein Nachbar, der redet wie ich, dieselbe Sprache viele Vorurteile brechen da zusammen.“

Doch um zu erfahren, woher die Vorurteile gegen Sinti und Roma kommen und wie sie bis heute, in Bildern, Texten und Erzählungen tradiert werden, ist noch viel Forschung notwendig – auch über die Beziehung zwischen Antiziganismus und Protestantismus.

Quelle: Deutschlandfunk
Stand: 05.10.2017