Archiv der Kategorie 'Beiträge auf Deutsch'

Zentralrat Deutscher Sinti und Roma appelliert an KIKA und SWR: Antiziganistischen Kinderfilm nicht senden

Beim gestrigen Fachgespräch zum Thema „Antiziganismus und staatliche Filmförderung“ wiederholte Romani Rose als Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma seinen Appell an den Südwestrundfunk (SWR), den Kinderfilm Nellys Abenteuer nicht auszustrahlen und auch nicht in das Programm des KIKA, des gemeinsamen Programms von ARD und ZDF, aufzunehmen.

Der Film enthält nach Auffassung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma massive antiziganistische Klischees und Stereotype, die ihn völlig ungeeignet für die Zielgruppe von Kindern machen. Die pädagogische Altersempfehlung empfiehlt den Film für Kinder von neun Jahren an und für die dritten Schulklassen. Bei der Fachtagung stellte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma das Gutachten von Pavel Brunßen, Technische Universität Berlin, vor, das dieser Erklärung vollständig anhängt.

Im Ergebnis der detaillierten Filmanalyse heißt es: (mehr…)

Komödie „Hereinspaziert!“ ist „zutiefst rassistisch“ und „gefährlich“

Die französische Kino-Produktion „Hereinspaziert“ ist aus Sicht des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma eine „zutiefst rassistische Komödie über rumänische Roma in Frankreich“.

Regisseur Philippe de Chauveron („Monsieur Claude und seine Töchter“) zeige zugewanderte rumänische Roma „durchweg als nicht integrierbare Gegenkultur zur westlichen Zivilisation“, kritisiert der Zentralrat, der sich seit 1982 für die Belange von in Deutschland lebenden Roma einsetzt.

„Rassistische und antiziganistische Denkmuster“

„Es ist unerträglich, wie Angehörige der Minderheit als vormoderne und unzivilisierte ‚Wilde‘ charakterisiert werden. Der Film benutzt die Minderheit als Projektionsfläche und Gegenbild und macht Geld auf Kosten einer ohnehin diskriminierten Minderheit mit Rassismus“, beklagt der Vorsitzende Romani Rose. Damit trage „Hereinspaziert!“ dazu bei, „den in ganz Europa gesellschaftlich tief verwurzelten Antiziganismus zu legitimieren und weiter salonfähig zu machen“.

Gefährlich werde der Film vor allem dadurch, so Rose weiter, „dass er vermeintlich leichte Unterhaltung im Gewand der Komödie bietet und über komödiantische Elemente rassistische und antiziganistische Denkmuster über Roma tradiert“.

Diskussionen in Frankreich

Bereits im Vorfeld habe der Zentralrat an den zuständigen deutschen Verleih Universum Film appelliert, den Film nicht herauszubringen. „Hereinspaziert“ sorgte zum Kinostart in Frankreich für Diskussionen. „Ein ähnlicher Film mit antisemitischen Stereotypen und Ressentiments wäre – so will ich voraussetzen – gerade in deutschen Kinos nicht ausgestrahlt worden“, vermutet Romani.

Quelle: Prisma
Stand: 02.10.2017

Lachen gegen die anderen

Französisches Kino steht in Österreich immer noch für niveauvolle Unterhaltung. Doch seit einigen Jahren kommen aus Frankreich Komödien, die vor allem Klischees bedienen und damit Vorurteile zementieren – und so, unter dem Deckmantel leichter Unterhaltung, Politik machen.

Dreckige Zähne, glitzernde Goldkronen, Hut, Ringe an jedem Finger und Stoppelbart: Babik (gespielt von Ary Abittan) sieht aus wie die verächtliche Karikatur eines Rom, in der französischen Komödie „Hereinspaziert!“. Der Film ist der neueste Streich von Erfolgsregisseur Philippe de Chauveron, nach „Monsieur Claude und seine Töchter“, der in Frankreich 17 Millionen Zuschauer ins Kino holte, und „Alles unter Kontrolle!“ über einen Polizisten, der bei einer missglückten Abschiebung selbst zum Flüchtling wird.

Chauveron dreht Komödien, die europaweit rasend erfolgreich sind, gerne mit Publikumsliebling Christian Clavier in der Hauptrolle, dessen Figur es sich in seiner bildungsbürgerlichen Blase bequem gemacht hat, doch angesichts real erlebten Multikulturalismus – so beim auch in Österreich hunderttausendfach besuchten „Monsieur Claude“ – dann mit einem Mal feststellt, dass das Zusammenleben mit Menschen aus anderen Kulturen doch nicht so einfach ist. (mehr…)

Dieser rassistische Film läuft bald im Kinderkanal

„Nellys Abenteuer“ ist ein Kinderfilm über klauende, unterentwickelte Roma.

Als Nelly den beiden Roma-Teenagern das erste Mal begegnet, betteln sie sie zuerst an und klauen ihr dann das Portemonnaie. Kurz darauf wird das deutsche Teenie-Mädchen von zwei Roma-Männern entführt. Sie bezahlen eine Familie in einem ärmlichen Roma-Dorf mit nur einem Wasserhahn für alle Dorfbewohner dafür, sie versteckt zu halten. Im Dorf freundet sich Nelly dann aber mit den beiden diebischen Teenagern an, die ihr schließlich bei der Flucht helfen. Und ganz am Ende helfen ihr sogar ihre ursprünglichen Entführer dabei, dem deutschen Oberbösewicht zu entkommen – indem sie ihm seine Autoreifen klauen.

Das ist so ungefähr die Grundhandlung des deutschen Spielfilms Nellys Abenteuer, der schon letztes Jahr in die Kinos kam, und bald im KiKa und im SWR ausgestrahlt werden soll. Dagegen läuft jetzt der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma Sturm. Der Film enthalte „massive antiziganistische Klischees und Stereotype“ und sei „völlig ungeeignet für die Zielgruppe von Kindern“. Was den Roma-Verband besonders ärgert: Der Film wurde mit fast 900.000 Euro von einer Reihe staatlicher Filmförderungen gefördert. (mehr…)

Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erhebt schwere Vorwürfe gegen das BMI

Polizei schürt am ‚Tag der offenen Tür‘ Vorurteile gegen Sinti und Roma

Als unerträglich und gleichzeitig als einen Spiegel des noch immer tiefverwurzelten antiziganistischen Denkens in einigen deutschen Polizeibehörden bezeichnet es der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, daß im Bundesministerium des Innern während des ‚Tags der offenen Tür‘ am 26. und 27. August dieses Jahres ein massiv antiziganistischer Vortrag direkt neben dem gemeinsamen Stand des Minderheitenrates stattfand. Auf Einladung des Beauftragten für die nationalen Minderheiten, Hartmut Koschyk, und des Bundesinnenministeriums hatte zuvor Romani Rose ein zentrale Statement auf dem ‚Tag der offenen Tür‘ abgegeben. Dabei hatte Romani Rose ausdrücklich auf die positive Entwicklung der Minderheitenrechte in Deutschland hingewiesen.

Unter dem Titel „Vorsicht Langfinger! Wie Taschendiebe tricksen und Sie Ihnen die kriminelle Tour erfolgreich vermiesen können!“ wurde von einem Mitarbeiter der Berliner Direktion der Bundespolizei vorgetragen, daß Roma als „Verbrecher-Clans organisiert“ seien und als „kriminelle Großfamilien durch Europa ziehen“. Der Vertreter der Bundespolizei führte in seinen Ausführungen außerdem aus, daß jede Ethnie, Nordafrikaner oder Polen, „ihre eigene kriminelle Methode“ habe.

Ein derart rassistischer Vortrag im Bundesministerium des Innern beschädige nicht nur die Polizei in Deutschland, sondern auch das Ansehen des Bundesministeriums des Innern als demokratischer Behörden, die den Prinzipien unseres Rechtsstaats verpflichtet sind, erklärte dazu heute Romani Rose.

„Es ist ein wirklich unglaublicher Vorgang, daß am Tag der offenen Tür im Bundesministerium des Innern, an dem viele Initiativen gegen Extremismus und Rassismus auftreten und insbesondere die nationalen Minderheiten an einem gemeinsamen Stand über die Anliegen und die Beiträge der Minderheiten zur deutschen und europäischen Wertegemeinschaft informieren, gleichzeitig die Bundespolizei im Stil längst vergangen geglaubter Zeiten Klischees und Vorurteile pauschal gegen Minderheiten erheben“, so Rose.

Dieser Vorgang stellt den Dialog zwischen den nationalen Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft in Frage und untergräbt das Vertrauen in den demokratischen Rechtsstaat, so Rose. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wendet sich wegen dieser Angelegenheit deshalb auch mit einem direkten Schreiben an Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Quelle: Zentralrat deutscher Sinti und Roma
Stand: 26.08.2017

Antiziganismus in der Ukraine: „Geschossen, bis einer tot war“

Bei einer Bluttat in einem Provinzstädtchen stirbt der Sprecher der örtlichen Roma. Der Hauptverdächtige ist der Ex-Bürgermeister.

„Haben Sie schon gehört?“, ruft die Alte und wartet keine Antwort ab. „Alexeij Litwinow ist wieder frei! Unser alte Bürgermeister, der wegen des toten Zigeuners in Untersuchungshaft war.“ Die Rentnerin, die hinter einem Eimer mit Aprikosen, Knoblauchknollen und zwei Kohlköpfen sitzt, kommt in Fahrt. „Nur hundert Meter von hier“, sie deutet die Straße hinunter, „direkt vor dem Rathaus haben sie im Mai einen Zigeuner ermordet, und Litwinow wurde drei Tage später festgenommen.“

Trotz der Hitze trägt die Alte ein rosa Kopftuch und einen grauen Regenmantel. Wer schuld an dem Drama sei, wisse sie natürlich nicht. Aber „die Zigeuner“ haben sich offensichtlich in eine Falle locken lassen. Der ehemalige Bürgermeister habe sie zum Gespräch eingeladen, tatsächlich aber habe man sie nur kommen lassen, um auf sie zu schießen. (mehr…)

Nellys Archetyp

Im Rahmen eines Fachgesprächs über »Antiziganismus und staatliche Filmförderung« wiederholte der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose (Foto), am Donnerstag abend in Berlin seinen Appell an den Südwestrundfunk (SWR), den Kinderfilm »Nellys Abenteuer« nicht auszustrahlen. Der Film strotzt von antiziganistischen Klischees. Roma erscheinen darin ausnahmslos als »Kleinkriminelle, Trickbetrüger, Bettler, beim Aufführen ›traditioneller‹ Tänze, als Kindesentführer usw.«, heißt es in einer Film­analyse von Pavel Brunßen (TU Berlin). Professor Urs Heftrich (Uni Heidelberg) bescheinigt dem Film die Zementierung eines »rassistischen Archetyps«. Der Kinderfilm war mit mehr als 930.000 Euro aus Steuermitteln finanziert worden, hatte 2016 das Filmfestival München eröffnet und lief vor einem Jahr im Kino, gelobt von Süddeutscher Zeitung, Märkischer Oderzeitung (»wichtige pädagogische Botschaft«) bis zu den Dresdner Neuesten Nachrichten (»Prächtiger Jugendfilm!«). »Vier Sterne und Daumen hoch« meinte die Jugendfilmjury der Filmbewertungsstelle. Geplant ist seine Ausstrahlung im SWR und auf Kika, dem Kinderprogramm von ARD und ZDF.

Quelle: junge Welt
Stand: 16.09.2017

“Nellys Abenteuer“ – ein zutiefst rassistischer Kinderfilm

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wirft dem staatlich geförderten Kinderfilm “Nellys Abenteuer“ Antiziganismus vor – zu Recht. Dieser Film strotzt nur so vor rassistischen Stereotypen und es ist ein Armutszeugnis, dass diese während der Entwicklung des Films nicht bemerkt wurden. Noch erschreckender: Die Verantwortlichen sind sich bis heute keiner Schuld bewusst. Der Film soll bald im öffentlich-rechtlichen Kinderkanal ausgestrahlt werden.

“Hallo ich bin auch ein Roma-Kind, aber ist stehle nicht, ich frage immer vorher, bevor ich was nehme“, so stellte sich am Donnerstag ein junges Romni-Mädchen im Grundschulalter anderen Anwesenden bei einer Veranstaltung in Berlin vor. Wie kommt sie auf diese Idee? Sie hat zuvor den Kinderfilm “Nellys Abenteuer” gesehen – und dabei den Eindruck gewonnen, dass so eine Differenzierung nötig ist. (mehr…)

Kinderfilm zeigt Klischees über Roma: Klauen und feiern

„Nellys Abenteuer“ zeigt eine deutsche Familie der Mittelklasse in Rumänien. Dem Film, der bei Kika und SWR laufen soll, wird Antiziganismus vorgeworfen.

Nelly, ein weißes deutsches Mädchen, begegnet Roma, wird von ihnen zuerst beklaut und dann entführt: So beginnt „Nellys Abenteuer“. Das Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmers Dominik Wessely wird nun heftig kritisiert, weil er Stereotype über Roma reproduziere.

In dem Film geht es um eine deutsche Familie der Mittelklasse, die nach Rumänien reist. In Sibiu wird sie zuerst von zwei Teenagern beklaut und dann von zwei Roma-Männern entführt. Sie bringen das Mädchen in ihr Dorf. Außer zu klauen und zu feiern scheinen die Dorfbewohner*innen keine Beschäftigungen zu haben.

Der Film soll bald in Schulen gezeigt werden, wo er mit pädagogischem Begleitmaterial zur Aufklärung über Roma beitragen soll. 2016 lief er bereits im Kino und soll demnächst im Fernsehen laufen – unter anderem bei KiKa und im SWR.

Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, findet es unvorstellbar, dass in Deutschland ein Film mit einem derart antiziganistischen Inhalt im Kinderprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ausgestrahlt wird.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisiert zwar den Film und den Regisseur, er gibt sich aber dabei große Mühe zu betonen, dass es Herr Wessely ganz bestimmt nicht böse meine. Er wolle sicherlich keine Vorurteile über Roma reproduzieren und weiterverbreiten.

Das Magazin Vice zitiert den Heidelberger Slawistik-Professor Urs Heftrich, „dass ‚Nellys Abenteuer‘ zwar vermutlich in der guten Absicht gedreht worden sein dürfte, Vorurteile gegenüber den Roma abzubauen, im Ergebnis dieses Ziel aber leider auf fatale Weise verfehlt“.

Letztlich ist es aber völlig egal, wer was beabsichtigt hat. Am Ende zählen nämlich nicht die Gedanken, sondern die Taten. Produktionen insbesondere über marginalisierte Kulturkreisen benötigen Begleitung und Beratung durch Expert*innen.

Quelle: taz.de
Stand: 20.09.2017

Studie zu Bildungswegen: „Sinti und Roma sind keine homogene Gruppe“

Im Alltag treffen Sinti und Roma häufig auf Vorurteile und Klischees. Auch im Bildungssystem sind sie vielfach Diskriminierungen ausgesetzt und haben schwierigere Startbedingungen. Wie schaffen einige es trotzdem, erfolgreich ihren Weg zu gehen? Der Soziologe Albert Scherr hat Sinti und Roma zu ihren Erfahrungen befragt. Im Interview erläutert er die wichtigsten Ergebnisse.

Für ihre Studie haben Ihre Mitarbeiterin Lena Sachs und Sie 25 junge Sinti und Roma interviewt, die studieren oder Akademiker sind. Mit welchem Ziel?

Wir wollten erfolgreiche Sinti und Roma sichtbarer machen und mehr über ihre Bildungskarrieren wissen. Denn gesellschaftlich sind solche Fälle nahezu „unsichtbar“. Stattdessen wird häufig behauptet, dass Sinti und Roma nur wenig gebildet sind, meist von Sozialleistungen leben und manche keinen festen Wohnsitz haben. Unsere Studie zeigt aber: Zwar verlassen manche früh die Schule oder erreichen keine höheren Bildungsabschlüsse, auch weil sie in Schulen Diskriminierungen erfahren. Andere finden jedoch Wege mit Benachteiligungen und Diskriminierung umzugehen und schaffen es bis an die Hochschulen. (mehr…)