Archiv der Kategorie 'Struktureller Antiziganismus'

Who Defines Roma?

Roma identity as we know it today wouldn’t exist without the discourse created by numerous experts. The World Bank, for example, has published widely on Roma poverty, others have written on the genetics of Roma. The production of knowledge about Roma presents a curious consensus on who the Roma are and typically reinforces stereotypes. Consequently, Roma identity tends to be recognized by the strength of the stereotypes related to it.

Roma have been subjected to a variety of scientific practices such as counting, classifying, demographic predictions, mapping, photographing, and DNA profiling. All these practices are part and parcel of a trained vision that itself needs to be observed.

Many stereotypes are created by outsiders, of which the academic establishment is just a part, and then internalized and reproduced by Roma themselves. Policy analysis chiefly produces and circulates a standard image of Roma as a group of marginal and vulnerable people, if not at-risk or welfare-dependent. In doing so, policy analysts and policy makers—as well as academics and journalists—create and maintain negative definitions of Roma.

At the visual level, Roma identity is standardized even more powerfully than in the texts: images of Roma are abundant in stereotypes (the beggar, the naked children on the garbage dump, the shantytown resident, the displaced, the poor migrant) which narrow public perceptions. Not that these photographic instances aren’t part of reality, but emphasizing only this aspect perpetuates a deeply negative vision of Roma.

The interest in describing and representing Roma is both scientific and political: science presumes to represent Roma as a research object by constituting Roma group identity through its various disciplinary branches, while political entrepreneurs bolster their agendas by instrumentalizing Roma as a political object. Scientific or expert interests are at the same time epistemic but also mundane and profitable—but not for those categorized. Who would support research on Roma that doesn’t fit with predetermined profiles prepared by bureaucrats or policy makers?

The homogenous image of Roma presented by researchers is inaccurate because it is incomplete. On the one hand, not all individuals judged by the researchers as being Roma think of themselves as such. On the other hand, the problems that are believed to apply exclusively to Roma are not relevant for all of them and, moreover, are also applicable to many non-Roma.

Thus, perhaps the best way to understand the Roma “issue” is not to analyze the Roma (as ethnic identity is contextual and fluid) but to look at their various classifiers and modes of objectification. That the category of Roma is politically institutionalized through the contribution of the expert knowledge is easily observable with the political regime change from socialism to capitalism in Central and Eastern Europe. Before 1990, Roma were not part of the official and expert discourse; afterwards they became the main focus of the political and scientific scrutiny.

The scientific and expert “truth” established by Roma-related research is one that is conjectural, interested, and highly dependent on the political regimes in power. The way in which experts classify people (including Roma) can have important consequences for those who are classified. The expert and scientific images of Roma do nothing but exacerbate more the existing social divisions by lending academic credibility to incorrect and dangerous perceptions that Roma are somehow fundamentally different to everyone else.

In my forthcoming book Expert Trademarks: Scientific and Policy Practices of Roma Classification (CEU Press), I aim to draw attention away from the Roma themselves and toward those who classify them and how.

Acknowledging the implications of scientific categorization for people’s lives was the most significant reason for me to write this book. The negative image of Roma has to be analyzed, challenged, and deconstructed. It’s time for experts to show more prudence in their assumptions, descriptions, and methodologies, and to begin to depoliticize Roma ethnicity.

Source: Open Society Foundation
Date: 08.05.2014

»Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen«

Über historische Kontinuitäten im Zusammenhang von Arbeitsethik und Antiziganismus seit dem Frühkapitalismus berichtet Markus End

Die stereotype Wahrnehmung von der Art und Weise wie vermeintliche ›Zigeuner‹ ihre materielle Reproduktion sichern, nimmt im Antiziganismus eine prominente Stellung ein. Keiner der ›Gelehrten‹, die seit dem 15. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum über ›Zigeuner‹ berichteten, vergisst darauf hinzuweisen, dass diese hauptsächlich durch ›Betteln‹, ›Stehlen‹ und ›Wahrsagen‹ ihr Leben bestritten und mit ›ehrlicher Arbeit‹ nichts anfangen könnten. Auch in den gegenwärtigen Diskursen über migrierende Roma spielt die Vorstellung vom ›bettelnden Zigeuner‹ eine große Rolle. Um die Entwicklung dieser antiziganistischen Vorstellung zu veranschaulichen, sollen hier die Ausführungen von Hermann Arnold herangezogen werden. Der Mediziner Arnold steht wie kein anderer für die Kontinuitäten des nationalsozialistischen Antiziganismus in der Bundesrepublik Deutschland. Er publizierte auf der Basis der nationalsozialistischen ›Rassegutachten‹ der Rassenhygienischen Forschungsstelle, suchte und ›fand‹ das ›Zigeunergen‹, war nach 1945 als Berater für Ministerien und Verbände tätig und galt bis Anfang der 1980er Jahre als der kompetenteste ›Zigeunerforscher‹ in der BRD. (mehr…)

Ermittlungen: Morddrohung gegen Linken

Göppingen – Unbekannte bedrohen den Göppinger Linken-Stadtrat Christian Stähle. In einem offensichtlich in verstellter Schrift abgefassten Brief heißt es: „Diesen Zigeuner werden wir in nächster Zeit abknallen und durch den Kamin lassen“. Beigelegt war ein Zeitungsfoto von Stähle, das im Landtagswahlkampf veröffentlicht worden war. Darüber war das Wort „Verbrecher“ geschrieben. Die Polizei bestätigte, dass der Staatsschutz die Ermittlungen aufgenommen habe.

Der Drohbrief ging an die Presse

Der in Salach abgestempelte Brief sei bereits vor mehr als zwei Wochen bei der Verlagsleitung der örtlichen Lokalzeitung eingegangen. Diese schaltete die Polizei ein. Gestern wurde Stähle von ihr als Geschädigter vernommen.

Der Linken-Politiker vermutet, dass Rechtsradikale hinter der Morddrohung stecken. In der Vergangenheit war er schon mehrfach in den Fokus der örtlichen Nazi-Szene geraten. Die Polizei machte zunächst keine weiteren Angaben.

Quelle: Stuttgarter Zeitung
Stand: 03.04.2012

Das Schweigen im Walde

Fünf Personen müssen sich vor dem Amtsgericht Prenzlau wegen Volksverhetzung verantworten. Es geht um eine Zirkusfamilie, um Wut und Hass auf das Fremde.

In der Uckermark, ganz im Nordosten von Brandenburg und nahe der polnischen Grenze verliert sich das Zeitgefühl. Die Orte werden kleiner und die Wälder dichter. Gletscher formten hier eine Endmoränenlandschaft. Fürchterlich schön und einsam. In dieser ostdeutschen Einöde verbindet die Landstraße L23 Templin mit der A11. Etwa auf der Hälfte dieser Strecke durchquert die L23 auch den Ort Milmersdorf.

Vor anderthalb Jahren braute sich hier etwas Ungutes zusammen, so archaisch wie die Endmoränen. Eine Tat, die „geeignet“ war, „den öffentlichen Frieden zu stören“, wie die zuständige Staatsanwaltschaft Neuruppin in der Anklageschrift schreibt. Ein Dorfmob soll „Teile der Bevölkerung zum Hass“ angestachelt haben. Zielscheibe der Wut war die Zirkusfamilie H.

Es passiert am frühen Nachmittag des 24. September 2010. Was genau, darüber existieren zwei Erzählungen. Das Resultat jedoch lässt sich nicht mit Erinnerungslücken leugnen. Noch in der Nacht wird die Zirkusfamilie H. Milmersdorf unter Polizeischutz und völlig verängstigt verlassen. Die Scheiben ihrer Fahrzeuge sind zersplittert, Beulen an zwei Campingwohnwagen und dem LKW verursachen einen Sachschaden von 8 000 Euro. Zu einer Zirkusvorstellung ist es in Milmersdorf nicht gekommen.

Zwei Tage dauerte der Prozess vor dem Amtsgericht Prenzlau, der Dienstag zu Ende ging. 14 Zeuginnen und Zeugen wurden gehört. Die Anklage lautete auf Volksverhetzung, versuchte Nötigung und Sachbeschädigung. Sie richtete sich gegen drei Männer im Alter von 18, 21 und 31 Jahren sowie eine 18- und eine 26-jährige Frau. Ursprünglich hatte die Polizei gegen rund 10 Personen ermittelt. (mehr…)

Nach Attacke auf Zirkusfamilie wegen Volksverhetzung verurteilt

Prenzlau (dpa) Fünf Einwohner aus Milmersdorf (Uckermark) sind am Dienstag vom Amtsgericht Prenzlau (Uckermark) für den fremdenfeindlichen Übergriff auf eine Zirkusfamilie verurteilt worden. Das Jugendschöffengericht verhängte gegen zwei Erwachsene Haftstrafen von sechs und vier Monaten, ausgesetzt zu zwei Jahren Bewährung. Zwei Jugendliche und ein Heranwachsender erhielten Freizeitarrest beziehungsweise einer Woche Dauerarrest. Mit dem Strafmaß folge das Gericht den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Die Anklage lautete auf gemeinschaftliche Volksverhetzung, Sachbeschädigung und versuchte Nötigung.

Die Richter befanden die Angeklagten im Alter von 18 bis 32 Jahren für schuldig, die Zirkusfamilie in Milmersdorf im September 2010 angegriffen zu haben. Die Täter beschimpften die Kinder der Artisten mit fremdenfeindlichen Äußerungen. Außerdem hätten sie Steine auf Zelt und Wohnwagen der Zirkusfamilie geworfen. Die Beschuldigten bestritten die Vorwürfe oder spielten sie herunter. Ursache der Eskalation soll ein zu nahe an den Wohnblöcken aufgestellter Elektrozaun und freilaufende Hunde gewesen sein. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Bei dem Angriff erlitt niemand Verletzungen, aber Fahrzeuge der Zirkusleute wurden beschädigt. Der Schaden belief sich auf etwa 8000 Euro. Wegen der Attacke sagte die Familie die Zirkusvorstellung ab und verließ den Ort vorfristig unter Polizeischutz.

Quelle: Die Mark Online
Stand: 07.02.2012

Struktureller Antiziganismus – z.B. das Feindbild Bettler

In Zeiten der sich ausweitenden Wirtschaftskrise in Europa macht sich im öffentlichen Diskurs eine zunehmende Feindseligkeit gegenüber Bettlerinnen und Bettlern breit. Beispielsweise in Österreich haben einige Städte totale Bettelverbote erwirkt.
Ressentiments gegen Bettelei haben eine lange Geschichte und waren schon immer weit verbreitet, unterliegen aber politischen Konjunkturen.

Es gibt erkennbar starke Überschneidungen vom Anti-Bettler-Ressentiment zum antiziganistischen Ressentiment. Einmal gibt es Anfeindungen gegen Bettler_innen, die gleichzeitig gegen Sinti & Roma und Sintize & Romnija sind bzw. dieser Bevölkerungsgruppe zugeordnet wurden (z.T. als „Bettel-Roma“ bezeichnet), andererseits gibt es auch starke strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den beiden Ressentiments.
Beide Ressentiments:
… werfen Menschen einen angebliche „faulen“ und „verwerflichen“ Lebenswandel und vor allem Lebenserwerb vor.
… ignorieren, dass die reale Lebensweise der Angefeindeten, sofern sie sowieso nicht nur ein vollkommenes Klischee ist, verfolgungs- und armuts-bedingt zustande gekommen ist.
… verkörpern das Unbehagen des Spießbürgers gegen alle die vermeintlich freier und unbeschwerter leben. „Zigeuner“ wie Bettler gelten als „faul“ und „arbeitsscheu“, finden aber angeblich über Betrug und andere Machenschaften ein gutes Auskommen.
… werfen den Angefeindeten vor auf Kosten der Allgemeinheit zu leben.
B.Z. hetzt gegen Roma
Diese Gemeinsamkeiten lassen es durchaus zu von einer Art struktureller Antiziganismus zu sprechen.

Bettelei gilt in den Augen des Durchschnittsbürgers als Nichtstun. Auf Bürostühlen oder an der Rezeption darf man tatenlos rumsitzen, aber nicht in der Kälte an belebten Plätzen.

Viele Bürger_innen fühlen sich von Bettler_innen belästigt. In den allermeisten Fällen dürfte aber nicht das angeblich „aggressive“ Betteln die eigentliche Ursache sein, sondern das den Normalmenschen Armut direkt und ungefragt unter die Augen tritt. Unkontrollierte Armut aber, die nicht in den Fernseher gebannt ist, ist dem Wohlstandsbürger unheimlich und peinlich.

Gibt es einerseits die Tendenz, dass Armut bewusst „übersehen“, also unsichtbar „gemacht“, wird, so wird sie andererseits häufig auch als „Schandfleck“, also als „störend“, angesehen. Tatsächlich durchbrechen Bettler_innen und andere so genannte „Elendsgestalten“ die Illusion einer heilen Welt in der westlichen Marktwirtschaft. Die Bürgerschaft fühlt sich „gestört“ durch Bettler_innen, Straßenpunks, Prostituierte oder Drogenkranke. So stellt sie an den Staat die Forderung nach „Abhilfe“.
Der Staat kann als kapitalistischer Staat Armut aber nicht wirklich abschaffen, denn dafür bräuchte es eine neue Gesellschaft, u.a. auf Basis einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel.
Während der faschistische Staat nicht Armut beseitigt, sondern Arme wie z.B. bei der „Aktion Arbeitsscheu“ 1938 im „Dritten Reich“, kann der bürgerliche Rechtsstaat nicht zu derart drastischen Mitteln greifen. Er illegalisiert die „störenden“ Randgruppen und vertreibt sie aus der Innenstadt in Randgebiete, den Untergrund oder inhaftiert sie gleich für längere Zeit.
So geraten Armut und soziale Randgruppen aus dem Blickfeld der bürgerlichen Gesellschaft. Ähnliches geschah mit Sinti und Roma, die einer Vertreibung oder der Forderung nach Zwangsassimilation ausgesetzt waren.

Von „Zigeuner“ zu „Bettel-Roma“

Im progressiven Sprachgebrauch wurde die häufig als Schimpfwort verwendete und eng mit Klischees verbundene Bezeichnung „Zigeuner“ durch den Begriff „Roma“ bzw. „Sinti und Roma“ ersetzt, der mehrheitlich auch als Eigenbezeichnung Verwendung findet.
Trotzdem muss „Roma“ nicht immer ein emanzipatorischer Begriff sein. In der TV-Dokumentation „The Truth lies in Rostock“ drohen Rechte „Roma“ zu „klatschen“. Die Berliner Tageszeitung „B.Z.“ schreibt auch von „Bettel-Roma“.

B.Z. hetzt gegen Roma

Damit wird die eigentlich progressive Namensgebung ad absurdum geführt. Der Klischee-Ballast der alten Bezeichnung „Zigeuner“ wird so auch an die neue Bezeichnung angehängt. Mit „Bettel-Roma“ entsteht das Klischeebild vom faulen und bettelnden „Zigeuner“ aufs Neue.

Sehr wenig hilfreich ist auch der Unsinnsbegriff „Rotationseuropäer“, der offenbar von besonders einfallslosen Beamten erschaffen wurde. In „Rotationseuropäer“ steckt das Klischee vom nomadisch lebenden „Zigeuner“ fest mit im Begriff drin. Das eine kleine Minderheit von Roma auch heute auf der Straße noch unterwegs ist, ist historisch bedingt durch eine Verfolgungsgeschichte. Antiziganist_innen lieben den Begriff „Rotationseuropäer“ und nehmen ihn gerne als Beleg für eine scheinbar vorherrschende politische Korrektheit. So wird der durch den Kontext ins Ironische gewendete Begriff von rechten Medien gerne verwendet.

Fazit: Ein Begriff ist also nicht per se emanzipatorisch, sondern wird es erst in einem bestimmten Verwendungs- und Gebrauchs-Kontext.