Antiziganismus Watchblog http://antizig.blogsport.de Fight Antiziganism Thu, 11 Jan 2018 07:52:21 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Prozess der Woche: Der Hetzer, der im Fall Elias Sinti und Roma böswillig beschimpfte http://antizig.blogsport.de/2018/01/11/prozess-der-woche-der-hetzer-der-im-fall-elias-sinti-und-roma-boeswillig-beschimpfte/ http://antizig.blogsport.de/2018/01/11/prozess-der-woche-der-hetzer-der-im-fall-elias-sinti-und-roma-boeswillig-beschimpfte/#comments Thu, 11 Jan 2018 07:52:21 +0000 Administrator Deutschland Fundstücke Antiziganistische Klischees Beiträge auf Deutsch http://antizig.blogsport.de/2018/01/11/prozess-der-woche-der-hetzer-der-im-fall-elias-sinti-und-roma-boeswillig-beschimpfte/

Der sechsjährige Elias aus Potsdam war noch nicht lange verschwunden, und viele Menschen bangten um das Schicksal des Jungen aus dem Potsdamer Stadtteil Schlaatz, da begannen im Internet auch schon die Diffamierungen.

Vor allem ein Mann fiel auf: Simon K. Auf der Seite der öffentlichen Facebook-Gruppe „Suche Elias“ soll der Mann aus Potsdam am 11. Juli 2015 – also drei Tage nach dem Verschwinden des Jungen – seine Hetze verbreitet haben. „Dreckige Romas diese Inzest Missgeburten, entführen wohl auch Kinder!“ kommentierte er. Einem Leser fiel der Post auf. Er zeigte Simon K., der den Kommentar unter seinem Klarnamen veröffentlicht hatte, an. Ebenso die Facebook-Nutzer, die den Post geliked hatten.

Am kommenden Mittwoch muss sich Simon K. wegen seiner geschriebenen Worte vor dem Amtsgericht in Potsdam verantworten. „Die Anklage wirft dem Mann Volksverhetzung vor“, sagt ein Sprecher des Amtsgerichts.

Sinti und Roma diffamiert

Der Angeklagte habe mit seinem Post die in Deutschland lebenden Angehörigen der Sinti und Roma böswillig beschimpft und ihnen pauschalisiert Inzest und Kindesentführung unterstellt. Dies, so der Sprecher, sei geeignet, den öffentlichen Frieden zu stören. Schon einmal sollte dem 37-jährigen Simon K. der Prozess gemacht werden. Das war Mitte Oktober des vergangenen Jahres. Doch da hatte sich der Angeklagte krank gemeldet. Für den Prozess ist bisher nur ein Verhandlungstag geplant.

Die Facebook-Gruppe „Suche Elias“ war bereits am Abend des 8. Juli 2015 eingerichtet worden, wenige Stunden, nachdem der Erstklässler verschwunden war. Sie sollte die Suche vieler Potsdamer nach dem Kind koordinieren. Auch ein Großaufgebot der Polizei fahndete nach dem Jungen.

Wie sich später herausstellte, war Elias vom Spielplatz unweit der elterlichen Wohnung von Silvio S. verschleppt, missbraucht und ermordet worden. Ebenso wie der vier Jahre alte Mohamed. Der Junge war am 1. Oktober 2015 vom Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales in Berlin-Moabit entführt worden. Eine Kamera filmte Silvio S., wie er mit Mohamed an der Hand das Gelände des Lageso verließ.

Leiche verscharrt

Mit dem Kind fuhr der Mann nach Niedergörsdorf, wo er im Haus seiner Eltern lebte. Dort missbrauchte er auch den kleinen Mohamed und brachte den Jungen schließlich um. Am 8. Oktober veröffentlichte die Berliner Polizei Bilder von Mohameds Entführer aus der Überwachungskamera.

Die Mutter von Silvio S. erkannte darauf ihren Sohn, sie rief die Polizei. Die Ermittler fanden Mohameds Leiche im Kofferraum des Autos von Silvio S. Der tote Junge liegt in einer Plastikbadewanne, versteckt unter Katzenstreu. Den Fahndern gestand der Mann kurz darauf auch den Mord an Elias. Silvio S. hatte den toten Jungen in einer Kleingartenanlage in Luckenwalde. Dort hatte der Mörder das Kind verscharrt.

Das Landgericht Potsdam verurteilte Silvio S. Ende Juli 2016 wegen Mordes an Elias und Mohamed zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Zudem erkannte es die besondere Schwere der Schuld an. Das bedeutet, dass Silvio S. nicht nach 15 Jahren auf Bewährung aus der Haft entlassen werden kann.

Mörder erneut vor Gericht

Eine Revision des Mörders verwarf der Bundesgerichtshof. Er entschied jedoch im Sommer vorigen Jahres auf Antrag der Staatsanwaltschaft, dass eine andere Kammer des Landgerichts erneut die Gefährlichkeit von Silvio S. prüfen und über eine unbefristete Sicherungsverwahrung entscheiden müsse.

„Bisher gibt es keinen Termin für eine Verhandlung“, sagt Mathias Noll, einer der Verteidiger von Silvio S., der Berliner Zeitung. Er hoffe, dass die neue Kammer den Fall jedoch noch im ersten Quartal dieses Jahres verhandeln werde. Nach seinen Worten gehe es in dem neuen Verfahren um eine „theoretische Sicherungsverwahrung“.

Wenn sein Mandant nach 20 oder 25 Jahren aus der lebenslangen Haft entlassen werden wolle, müsse ein Gutachter feststellen, dass Silvio S. für die Allgemeinheit nicht mehr gefährlich sei. Für die Vollstreckung der Sicherungsverwahrung sei es aber notwendig, die Gefährlichkeit zu attestieren. „Doch wenn die attestiert wird, dann wird Silvio S. auch nicht aus der Haft entlassen“, erklärt Noll.

Quelle: Berliner Zeitung
Stand: 11.01.2018

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Paul „sido“ Würdig: „Wir wurden Zigeunerpack genannt“ http://antizig.blogsport.de/2017/12/12/paul-sido-wuerdig-wir-wurden-zigeunerpack-genannt/ http://antizig.blogsport.de/2017/12/12/paul-sido-wuerdig-wir-wurden-zigeunerpack-genannt/#comments Tue, 12 Dec 2017 12:10:55 +0000 Administrator Deutschland Analyse und Kritik des Antiziganismus Fundstücke Antiziganistische Klischees Beiträge auf Deutsch http://antizig.blogsport.de/2017/12/12/paul-sido-wuerdig-wir-wurden-zigeunerpack-genannt/

Der Rapper mit den Sinti-Wurzeln redet im Interview über Antiziganismus, sein Familienleben und Rap für Erwachsene.

Die Hochzeit mit seiner Frau Charlotte, mit der er zwei Kinder hat, hat ihn verändert. „Ich bin ein Familienmensch“, sagt der Berliner Rapper Paul „Sido“ Würdig. Im Film „Eine Braut kommt selten allein“ (Das Erste, 20.15 Uhr) spielt er nun den Hartz-IV-Empfänger Johnny. Dessen Leben ändert sich schlagartig, als er die attraktive Romni Sophia trifft. Die quartiert kurzerhand ihre Familie bei ihm ein. Für Sido, der selbst Sinti-Wurzeln hat, war der Dreh eine „Herzensangelegenheit“.

Was ist Ihre Filmfigur für ein Typ?

Würdig Ein Verlierer. Sein Problem ist das Kiffen. Manche Menschen werden dadurch antriebslos. Johnny ist einer davon. Und er kann verdammt schlecht Nein sagen.

Fällt Ihnen das privat auch schwer?

Würdig Nee, im Gegenteil: Ich kann sehr gut abwägen, was gut und was schlecht für mich ist. Dass ich eine ganze Roma-Familie bei mir einquartiere, kann mir nicht passieren (lacht). Aber sehr wahrscheinlich würde ich ihnen meine Hilfe anbieten.

Der Film behandelt das Leben von Sinti und Roma in Deutschland. Wurden Sie schon einmal diskriminiert?

Würdig Ich selbst nicht. Ich bin ja ziemlich hellhäutig geraten. Aber meine Mutter wurde früher wegen ihrer dunklen Hautfarbe als „Neger“ oder „Kanake“ beschimpft. Als wir ins Märkische Viertel zogen, änderte sich das. Dort wohnten viele Migranten. Alle steckten in derselben Lage.

Und heute?

Würdig Seit wir im Berliner Randbezirk wohnen, hören wir es wieder häufiger. Dort ist man noch nicht so auf „fremde Menschen“ eingestellt. Vor einiger Zeit bekamen wir einen Brief, in dem wir als „Zigeunerpack“ betitelt wurden. Mir ist das egal. Aber meiner Mutter geht das sehr nahe.

Wird Antiziganismus Ihrer Meinung nach in Deutschland ausreichend thematisiert?

Würdig Ich denke, es wird zu wenig über Diskriminierung von Sinti und Roma gesprochen. Das ist eine Randgruppe der Randgruppen, die sehr wenig Aufmerksamkeit bekommt.

Wie halten Sie privat die Balance zwischen Job und Familienleben?

Würdig Ich teile mir das gut ein. Ich arbeite gerne und bin fleißig. Aber ich nehme mir auch sehr viel Zeit für die Familie.

Hat sich das bei Ihnen mit den Kindern verändert?

Würdig Meinen ersten Sohn hatte ich ja schon mit 19. Ich denke eher, die Hochzeit hat mich verändert, das Haus, die Ruhe. Ich bin ein kompletter Familienmensch.

Würden Sie irgendwann Sido Sido sein lassen, um mehr Zeit für die Familie zu haben?

Quelle: RP Online
Stand: 12.12.2017

Würdig Mit Sido ist es irgendwann eh vorbei. Und dann höre ich von alleine auf zu singen. Ich werde dem Ruhm nicht hinterherrennen.

Fühlen Sie sich zu alt für Rap?

Würdig Es gibt auch einen HipHop, den wir Älteren machen können. Aber er muss erwachsener sein, nachdenklicher. Rappen kann man immer. Man muss sich nur selbst treu bleiben.

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Roma-Day in Berlin: Aufstehen gegen Rassismus und Nationalismus http://antizig.blogsport.de/2017/11/30/roma-day-in-berlin-aufstehen-gegen-rassismus-und-nationalismus/ http://antizig.blogsport.de/2017/11/30/roma-day-in-berlin-aufstehen-gegen-rassismus-und-nationalismus/#comments Thu, 30 Nov 2017 11:19:44 +0000 Administrator Deutschland Analyse und Kritik des Antiziganismus Fundstücke Geschichte des Antiziganismus Antiziganistische Klischees Beiträge auf Deutsch http://antizig.blogsport.de/2017/11/30/roma-day-in-berlin-aufstehen-gegen-rassismus-und-nationalismus/

Mehr als 70 Jahre nach dem Genozid an Sinti und Roma gehören massive Diskriminierung und Ausgrenzung für beide Minderheiten immer noch zum Alltag. In Berlin kamen daher zum „Romaday“ Angehörige beider Gruppen sowie Vertreter aus Politik und Gesellschaft zusammen, um nach neuen Lösungsansätzen für die Praxis zu suchen.

Holocaust. Shoa. Fast jeder kennt diese Begriffe: Sie stehen für den Völkermord an den europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland. Aber wie vielen Deutsche sagt der „Porajmos“ etwas? Der Ausdruck bedeutet übersetzt „Das Verschlingen“ und ist eine Bezeichnung für die systematische Ermordung von Sinti und Roma während der NS-Zeit in Deutschland und Europa. Die geschätzten Opferzahlen schwanken zwischen 200.000 bis hin zu einer halben Million Menschen. Sicher aber ist: Es war ein Völkermord. Ein Völkermord, der erst 1982 durch die sozialliberale Koalition von Kanzler Helmut Schmidt anerkannt wurde. Vor gerade einmal fünf Jahren wurde den Opfern ein Denkmal im Berliner Tiergarten gewidmet.

Viele Angehörige der Minderheit sind gut integriert

Die späte Anerkennung des Genozids im Jahr 1982 ist symptomatisch für den Umgang mit der Minderheit von Sinti und Roma in Deutschland: Antisemitismus ist, trotz einiger negativer Tendenzen, in weiten Teilen der Gesellschaft nach wie vor verpönt. Der „Antiziganismus“, die ethnische Diskriminierung von Sinti und Roma, gehört dagegen zum deutschen Alltag: Nach einer Studie der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes von 2014 verbinde jedes zweite Schulkind Sinti und Roma mit dem abwertenden Begriff des „Zigeuners“. Das sagt Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, auf einer Pressekonferenz im Rahmen des „Romaday“-Kongresses in Berlin. Der Minderheit werde laut der Studie – Stand 2014 – noch weniger Sympathie entgegengebracht als Asylbewerbern und Muslimen. Jeder Zweite vertrete die Meinung, Sinti und Roma seien selbst für grassierenden Antiziganismus verantwortlich. Jeder Dritte lehne Sinti oder Roma als Nachbarn ab.

„Das sind erschreckende Zahlen“, sagt Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland. In seinem Grußwort zur Eröffnung des „Romadays“ in der Berliner Parochialkirche sagt er aber auch, dass nicht immer nur über Diskriminierung und Benachteiligung von Sinti und Roma gesprochen werden sollte: Viele Angehörige der Minderheit seien gut integrierte Leistungsträger in der Gesellschaft. Rose klagt: für die interessiere sich die Öffentlichkeit nicht. Aus Angst vor Benachteiligung gäben sich diese Menschen außerdem oft nicht zu erkennen.

„Raus aus der Defensive“

Trotz der eisigen Temperaturen in der schlecht beheizten Parochialkirche schlägt Rose die Zuhörer in seinen Bann: Als er auf das unvermeidliche Thema AfD und deren Einzug in den Bundestag zu sprechen kommt, bleibt seine Stimme ruhig – der Inhalt seiner Ausführungen ist Schärfe genug: Die AfD sei eine „völkische“ und „rassistische Partei“, sagt er, und: „Wir dürfen diesen kranken Nationalismus in unserer Mitte nicht dulden“. Aufgrund ihrer Geschichte sei die Minderheit der Sinti und Roma fest entschlossen, den demokratischen Rechtstaat gegen rechte Umtriebe zu verteidigen. Nazis und ihrer Ideologie müsse entgegengetreten werden.

„Wir müssen aus der Defensive raus“, fordert auch die amtierende Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) in ihrem Grußwort. Barley weist daraufhin, dass die Vorurteile dort am größten seien, wo die Menschen wenig bis keinen Kontakt zu Sinti und Roma hätten. Einen politischen Seitenhieb an die Adresse von CDU und CSU gibt es inklusive: Ein „Demokratieförderungsgesetz“ zum Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung liege bereits seit längerem in der Schublade, habe aber ebenso wie ein geplanter Arbeitskreis gegen Antiziganismus in der vergangenen Legislaturperiode keine Mehrheit gefunden, kritisiert Barley.

Antiziganismus öffentlich verurteilen

Die Konferenz unter dem Motto „Every Day is Romaday! Dialog mit Politik, Behörden und Bildungseinrichtungen“ wurde anlässlich des fünften Jahrestages der Eröffnung des Völkermorddenkmals vom „Bündnis für Solidarität mit den Sinti und Roma Europas“ organisiert. Dem Bündnis gehören zahlreiche Organisationen von Amnesty International über die Arbeiterwohlfahrt bis hin zum Zentralrat der Juden in Deutschland an. Im Laufe des Kongresstages wird in Workshops über so unterschiedliche Themen und Probleme wie die Verbesserung der sozialen- und Wohnsituation von Sinti und Roma, Asyl- und Bleiberecht, den Zugang zum Arbeitsmarkt, Bildungsförderung und Kulturprojekte gesprochen. Das Ziel: Die Vereinbarung neuer Konzepte und Kooperationen.

In ihrer Abschlusserklärung appellieren die Organisatoren an die künftige Bundesregierung, die europäischen Sinti und Roma im Kampf um ihre Rechte aktiv zu unterstützen. Antiziganismus gehöre öffentlich verurteilt, Sinti und Roma „als gleichberechtigte Bürger“ anerkannt. Der Beitrag der beiden Minderheiten zur europäischen Kultur müsse gewürdigt, aus ihrer Heimat geflohenen Roma entsprechender Schutz durch Asyl gewährt werden. Die Erklärung wird auch konkret: Der Expertenkreis gegen Antiziganismus müsse ebenso geschaffen werden wie ein Fond für die Bildungsförderung von Sinti und Roma. Außerdem brauche es ausreichende Mittel für die Integration von eingewanderten Roma auf kommunaler Ebene.

Quelle: Blick nach Rechts
Stand: 30.11.2017

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Roma-Gedenkstätte ersetzt Schweinemast http://antizig.blogsport.de/2017/11/30/roma-gedenkstaette-ersetzt-schweinemast/ http://antizig.blogsport.de/2017/11/30/roma-gedenkstaette-ersetzt-schweinemast/#comments Thu, 30 Nov 2017 11:14:47 +0000 Administrator Tschechien Analyse und Kritik des Antiziganismus Fundstücke Geschichte des Antiziganismus Beiträge auf Deutsch http://antizig.blogsport.de/2017/11/30/roma-gedenkstaette-ersetzt-schweinemast/

Jahrzehntelang steht in Lety bei Prag eine Schweinemast auf einem früheren NS-Lagergelände. Nun kauft der tschechische Staat den Betrieb auf, um ein würdiges Gedenken zu ermöglichen. Am Donnerstag wurde der Kaufvertrag unterzeichnet.

Mehr als 13 000 Schweine dort, wo Hunderte Roma im Zweiten Weltkrieg von den Nazis ermordet wurden: Für die wenigen Überlebenden und Nachfahren der Opfer des NS-Lagers Lety im heutigen Tschechien ist es eine unerträgliche Vorstellung, dass sich auf dem Gelände seit Jahrzehnten eine Schweinemast befindet. Wo die Baracken standen, sind graue Ställe. Doch nun gibt es definitiv eine Lösung für das Problem. Am Donnerstag unterzeichnete Tschechiens Kulturminister Daniel Herman den Kaufvertrag für den Agrarbetrieb, wie eine Sprecherin mitteilte.

Der Staat zahlt umgerechnet knapp 17,7 Millionen Euro für den Betrieb. Mit gut 3,5 Millionen Euro schlägt der Abriss zu Buche, der spätestens im Frühjahr beginnen soll. Ein Architekturwettbewerb wird dann über die Form eines würdigen Mahnmals für die Opfer des Porajmos, des Holocaust an den Roma, entscheiden. Dafür sind rund 800 000 Euro eingeplant. Bis zur Auflösung des sogenannten NS-“Zigeunerlagers“ starben in Lety 327 Roma. Wer bis dahin überlebt hatte, wurde nach Auschwitz deportiert. Es wird geschätzt, dass insgesamt 90 Prozent der tschechischen Roma ermordet wurden.

„Das ist ein wichtiger Schritt, der eng mit Fragen der Erinnerungskultur zusammenhängt“, sagte Kulturminister Herman der Agentur CTK. „Wir dürfen keine Angst haben, der Wahrheit ins Auge zu sehen, auch wenn es um schwierige Momente unserer Geschichte geht.“ Der Roma-Vertreter Cenek Ruzicka hob bei der Unterzeichnung des Kaufvertrags auch die Verdienste von Menschenrechtsaktivisten und den Einsatz der ausländischen Botschaften hervor, deren Vertreter an den jährlichen Gedenkveranstaltungen teilnehmen.

Wo seine Verwandten umgebracht wurden, fand Cenek Ruzicka erst spät heraus. Menschenrechtsaktivisten brachten ihn zum Eingangstor des Schweinemastbetriebs rund 80 Kilometer südlich von Prag. „Da habe ich mir geschworen, dass an diesem Ort keine Schweinemast sein darf“, berichtete er später. Erst jetzt, Jahrzehnte später, geht der Wunsch des 71-Jährigen in Erfüllung.

Nicht alle sind damit einverstanden. Mit einem Infostand reist Ruzicka durch das Land, um über die Schrecken des Lagers, in dem tschechische Aufseher arbeiteten, zu informieren. In Prag will eine ältere Frau wie viele andere Passanten auch wissen: „Was stört Sie an der Schweinezucht?“ Ruzicka sagt nur: „Wo sind Ihre Verwandten begraben? – Na also.“

Ruzickas Mutter saß in dem Lager bei Pisek in Südböhmen von August 1942 bis April 1943 ein, bevor sie nacheinander in mehrere deutsche Konzentrationslager verschleppt wurde. Sie habe in Lety ihren Vater verloren und ihren erstgeborenen Sohn, berichtet Ruzicka. Ihr erster Ehemann wurde von den Nazis ermordet. Nach dem Krieg fiel über Lety gegenüber ihren späteren Kindern kein Wort. „Sie hatte Angst, dass man uns einsperrt“, sagt er.

Den Auftrag hatten die deutschen NS-Besatzer gegeben, doch Wachpersonal und Lagerleiter in Lety waren Historikern zufolge tschechische Polizisten. Bis heute hält sich in Tschechien die Vorstellung, Lety sei „nur“ ein Arbeitslager für Roma gewesen. Dabei hatte die Historikerin Sibyl Milton (1941-2000) die NS-“Zigeunerlager“ schon 1998 als „Antechamber to Birkenau“, also als Vorhof zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, bezeichnet.

In Lety, das für 300 Insassen geplant war, wurden zeitweise 3000 Menschen auf engstem Raum eingepfercht. „Der Hunger sei das Schlimmste gewesen, haben die Gefangenen gesagt“, berichtet Ruzicka. Die hygienischen Verhältnisse seien katastrophal gewesen. Die Menschen hätten sich gegenseitig warmhalten müssen, um nicht zu erfrieren. Die Notdurft habe nachts in Kübeln verrichtet werden müssen. Eine Flecktyphusepidemie brach aus.

Warum ausgerechnet an dieser Stelle in den 1970-er Jahren eine große Schweinemast gebaut wurde, in der Tausende Tiere in Ställen ihr kurzes Leben fristen? Man habe das Geschehene vertuschen wollen, meint jedenfalls Ruzicka. Für die Überlebenden und ihre Nachkommen war es ein Schlag ins Gesicht. Ruzicka erklärt: „Die Pietät steht bei uns tschechischen Roma wie bei den Sinti an erster Stelle: Respekt vor den Älteren, Respekt vor den Kranken.“

Quelle: Sächsische Zeitung
Stand: 30.11.2017

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Hass und Antiziganismus in Bulgarien http://antizig.blogsport.de/2017/11/03/hass-und-antiziganismus-in-bulgarien/ http://antizig.blogsport.de/2017/11/03/hass-und-antiziganismus-in-bulgarien/#comments Fri, 03 Nov 2017 10:34:48 +0000 Administrator Analyse und Kritik des Antiziganismus Fundstücke Antiziganistische Übergriffe Antiziganismus auf politischer Ebene Beiträge auf Deutsch Antiziganismus von Rechts Bulgarien http://antizig.blogsport.de/2017/11/03/hass-und-antiziganismus-in-bulgarien/

In Bulgarien wurde der Vizeregierungschef Waleri Simeonow wegen einer Hassrede gegen Roma verurteilt. Seinen Posten musste er aber trotzdem nicht räumen. Vorurteile gegen Roma sind im Land weit verbreitet.

Es war eine doppelte Premiere für Bulgarien: Das Kreisgericht in der bulgarischen Schwarzmeerstadt Burgas verurteilte in der ersten Instanz den Vizeregierungschef Waleri Simeonow wegen einer Hate Speech gegenüber der Roma-Minderheit im Lande. Einerseits waren bisher die bulgarischen Gerichte sehr zögerlich, wenn es um Hassreden gegen Roma ging. Gleichzeitig wurde bislang in Bulgarien noch nie ein stellvertretender Regierungschef verurteilt, schon gar nicht wegen eines solchen Deliktes. Eine Stellungnahme der Regierung dazu blieb allerdings aus und Simeonow behielt seinen Posten, trotz der Proteste von elf Roma-Organisationen. Simeonow selbst gab nur bekannt, dass er in die Berufung gehen werde.

Verurteilt wurde er wegen einer Rede im bulgarischen Parlament am 17. Dezember 2014. Der 62-jährige Politiker, Geschäftsmann und Medienunternehmer sagte über die Roma unter anderem: „Es sind dreiste, wild gewordene menschenähnliche Wesen, die auf Lohn ohne Arbeit bestehen und die das Krankengeld kassieren, ohne krank zu sein. Die das Kindergeld bekommen für Kinder, die auf der Straße mit den Schweinen spielen, und für Frauen mit einem Instinkt von Straßenhündinnen.“

Ein Sieg des Rechtstaates

Das Gericht in Burgas, dem Wahlkreis von Simeonow, stellte fest, dass diese Aussage gegen das Antidiskriminierungsgesetz verstößt und als Hetze gegen die Roma-Minderheit zu behandeln ist. Solche Aussagen, heißt es in der Urteilsbegründung, würden „eine feindliche, erniedrigende, diffamierende und beleidigende Atmosphäre schaffen, sodass sich jede Person mit einer ethnischen Roma-Zugehörigkeit davon betroffen fühlen kann.“ Geklagt haben zwei Roma-Journalisten: Kremena Budinova und Ognian Issaev. Da sie ausdrücklich kein Schmerzensgeld wollten, wurde Simeonow nur dazu verurteilt, die inkriminierte Tat einzustellen und in Zukunft davon abzusehen.

Für die Anwältin Margarita Ilieva, die die beiden Kläger vertritt und gleichzeitig für das Rechtsprogramm der Menschenrechtsorganisation Bulgarisches Helsinki-Komitee zuständig ist, ist das Urteil in erster Linie ein großer Erfolg für das Gericht. Aus ihrer Sicht hat das Gericht seine Unabhängigkeit bewiesen, und zwar in einer politischen Umgebung, „die von rassistischen Vorurteilen schlimmster Art geprägt ist“. In einer Erklärung nach dem Urteil erinnert die Anwältin daran, das der Verurteilte nicht nur Vizepremier, sondern auch Leiter des Integrationsrats für ethnische Minderheiten ist.

Ein Überzeugungstäter

Waleri Simeonow bekleidet seine Regierungsposten als Vertreter der „Vereinigten Patrioten“. Sie sind ein Bündnis von drei kleineren rechtspopulistischen Parteien – der „Nationalen Front für die Rettung Bulgariens“ (NFSB) von Waleri Simeonow, der „Inneren Makedonischen Revolutionsorganisation“ (VMRO) von Krassimir Karakatschanow, der zur Zeit Verteidigungsminister ist, und der „Ataka“-Partei von Wolen Siderow. Simeonows Partei NFSB sieht in ihrem Wahlprogramm die Auflösung der „Zigeunerghettos“ vor sowie die Isolierung der Roma in geschlossenen „Reservaten“ nach dem Vorbild der Indianer- oder Aborigine-Reservate, die zu einer „Touristen-Attraktion“ werden könnten.

Im Verlauf seiner Karriere als Politiker hat er sogar über „moderne Konzentrationslager“ sinniert, erinnerten im Mai die Autoren eines offenen Aufrufs für seinen Rücktritt, der von 15. 000 Menschen unterschrieben wurde. Kurz davor, am Vorabend der vorgezogenen Parlamentswahl, hat Simeonow auch eine muslimische Bulgarin physisch angegriffen, weil sie aus der Türkei nach Bulgarien für ihre Stimmenabgabe einreisen wollte. Trotzdem wurde sein Wahlbündnis kleiner Koalitionspartner in der dritten Regierung von Boiko Borissow und seiner GERB-Partei, die der Europäischen Volkspartei angehört. Und Simeonow selbst wurde sogar zum Vizepremier ohne Portfolio ernannt.

Am Rande der Gesellschaft

Bulgarische Nichtregierungsorganisationen, darunter elf Roma-Vereinigungen aus dem Dachverband „Integro“, die Menschenrechtsplattform „Marginalia“ und die NGO „Initiative für gleiche Chancen“, die die Roma-Community juristisch unterstützt, haben jetzt erneut gegen die Regierungsbeteiligung von Rassisten aufgerufen. „Unsere Empörung bleibt schon seit fünf Monaten unerhört“, sagt Daniela Michailowa, Mitorganisatorin der Proteste. Sie und ihre Mitkämpfer haben Tausende T-Shirts mit der Aufschrift „Keine Rassisten in der Regierung – weg mit Waleri!“ drucken lassen und die Unterstützer dazu aufgerufen, sich mit den T-Shirts in den sozialen Netzwerken fotografieren zu lassen. Am 16. November ist auch eine Protestkundgebung vor dem Regierungssitz in Sofia geplant.

Offiziell leben in Bulgarien 321.000 Roma, was rund fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen würde. Inoffiziell aber geht man von einer mindestens doppelt so hohen Zahl aus. In den letzten Jahren werden die Roma immer öfter angefeindet. Laut einer Umfrage des Instituts „Open Society“ sind 92 Prozent der Bulgaren schon mal mit Hassreden gegen Roma konfrontiert gewesen. Zwei Drittel der Befragten behaupten sogar, Anti-Roma-Hetze oft oder sehr oft zu hören. Ein Drittel der Befragten wissen gar nicht, dass die Hetze zu Rassendiskriminierung strafbar ist.

Quelle: Deutsche Welle
Stand: 03.11.2017

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Ausgrenzung unter Christen: Ressentiments gegen „Zigeuner“ sind älter als die Reformation http://antizig.blogsport.de/2017/10/05/ausgrenzung-unter-christen-ressentiments-gegen-zigeuner-sind-aelter-als-die-reformation/ http://antizig.blogsport.de/2017/10/05/ausgrenzung-unter-christen-ressentiments-gegen-zigeuner-sind-aelter-als-die-reformation/#comments Thu, 05 Oct 2017 08:39:48 +0000 Administrator Deutschland Analyse und Kritik des Antiziganismus Fundstücke Geschichte des Antiziganismus Antiziganistische Übergriffe Antiziganistische Klischees Beiträge auf Deutsch http://antizig.blogsport.de/2017/10/05/ausgrenzung-unter-christen-ressentiments-gegen-zigeuner-sind-aelter-als-die-reformation/

Sinti und Roma werden vom Rest der Bevölkerung in der Regel abgelehnt. Auch überzeugte Christen lehnen sie ab, obwohl die meisten Sinti und Roma christlich sind. Der Zentralrat der Sinti und Roma wollte es genauer wissen und hat ein Gutachten in Auftrag gegeben.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Während im großen Saal des Hauses der EKD am Berliner Gendarmenmarkt über Antiziganismus und Protestantismus diskutiert wird, steht draußen – direkt neben dem Fahrstuhl – Martin Luther auf einem Sockel. Der Begründer der evangelischen Kirche ist an den Vorurteilen gegenüber den „Zigeunern“ nicht ganz unschuldig, macht Verena Meier deutlich. Die Historikerin, die das Gutachten erstellt hat, zitiert aus einer Schrift des Reformators von 1543:

„‚Die itzigen Juden müssten sein eine grundsuppe aller losen, bösen Buben, aus aller Welt zusammengeflossen, die sich gerottet und in die Lender hin und her zerstrewt haben, wie die Tattern oder Zigeuner und dergleichen, die leute zu beschweren mit wucher, die Lender zu verkundschaffen und zu verrathen, wasser zu vergiften und brennen, kinder zu stelen und allerlei meuchel schaden zu thun.‘ Und diese Aussage finde ich ganz spannend, weil sich da Querverbindungen zwischen Antisemitismus und Antiziganismus zeigen.“

Doch das Ressentiment gegen die „Zigeuner“ ist älter als die Reformation. Bereits auf dem Freiburger Reichstag von 1498 wurden Sinti und Roma, deren Vorfahren aus Indien eingewandert waren, als Spione der feindlichen Türken dargestellt. Der Vorwurf verschwand zwar mit der Zeit, doch das Bild vom fahrenden und arbeitsscheuen Volk blieb – und so wurden Sinti und Roma im 19. Jahrhundert zum Objekt missionarischen und pädagogischen Handelns der Kirche.

Die so genannte „Zigeunermission“ bestand weniger darin, die Sinti und Roma zu bekehren – die meisten waren längst Christen – als sie vielmehr zur Arbeit zu erziehen. Inwieweit diese paternalistische Haltung auch in den theologischen Schriften angelegt ist, lässt das Gutachten offen. „Umfassende Studien zum Verhältnis von protestantischer Arbeitsethik und Antiziganismus fehlen gänzlich“, heißt es dort. Doch egal ob theologisch begründet oder nicht: „Wir brauchen keinen Paternalismus“, betont der Vorsitzende des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose.

„Das ist das erste, was die Kirche sehr oft in ihren Traditionen hatte. Wir brauchen ein Miteinander auf Augenhöhe und wir brauchen das Eingeständnis, dass man damals versagt hat. Es gibt das Stuttgarter Schuldbekenntnis, das richtet sich ja, dass man jüdische Menschen damals nicht geschützt hat, aber die Kirchen, die verstrickt waren, auch in Bezug auf die totale Vernichtung unserer Minderheit, hat uns in dieses Schuldbekenntnis nicht mit einbezogen.“

Das dunkelste Kapitel des Antiziganismus

Die Vernichtung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus ist das dunkelste Kapitel des Antiziganismus. Es gibt zwar bislang keine verlässlichen Angaben über die Zahl der Opfer – Historiker gehen von 200.000 bis 500.000 Ermordeten in ganz Europa aus – doch dass es ein Völkermord war, ist unstrittig. Ähnlich wie die Juden galten die „Zigeuner“ als „artfremd“ und wurden vielfach nicht nur staatlich, sondern auch religiös ausgegrenzt. So erklärte die Sächsische Evangelisch-Lutherische Landessynode im Dezember 1933:

„Die Volkskirche bekennt sich zu Blut und Rasse, weil das Volk eine Bluts- und Wesensgemeinschaft ist. Mitglied der Volkskirche kann daher nur sein, wer nach dem Rechte des Staates Volksgenosse ist.“

Und auch diejenigen Landeskirchen und Gemeinden, die nicht lautstark auf die Linie der Nationalsozialisten einschwenkten, kollaborierten meist. Sie stellten den Rassebiologen ihre Kirchenbücher zur Verfügung: oft die einzige Quelle, aus der hervorging, wer Sinti und Roma unter seinen Vorfahren hatte. Widerstand gegen die Deportationen gab es dagegen so gut wie gar nicht – auch die Bekennende Kirche schwieg.

Ein Schweigen, das bis heute weitgehend anhält, wenn es um den Umgang mit Antiziganismus geht. Es fehlt an umfassenden Forschungen, lautet eine zentrale Aussage des Gutachtens. Die Aufarbeitung der Diskriminierungsgeschichte der Sinti und Roma scheint für Kirchenhistoriker keine besondere Bedeutung zu haben. Der damalige EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber bekannte 2004 zwar eine Mitschuld der Kirchen am Völkermord an den Sinti und Roma, doch eine weitgehendere Auseinandersetzung mit dem Antiziganismus ist daraus nicht hervorgegangen.

Keine Gespräche mit Sinti und Roma

Wenn aber der Völkermord an den Juden und an den Sinti und Roma der gleichen Aufmerksamkeit bedarf, warum gibt es in der evangelischen Kirche dann seit Jahrzehnten einen christlich-jüdischen Dialog aber kein regelmäßiges Gespräch mit Sinti und Roma, fragte die Historikerin Susanne Willems bei der Vorstellung des Gutachtens – und versuchte selbst eine Antwort zu geben.

„Meine These dazu ist, dass die Voraussetzung ist, dass wir als evangelische Angehörige der Mehrheitsgesellschaft das ‚Nur-Deutsche-Sein‘ als Defizit begreifen müssen, wenn wir uns Angehörigen von Minderheiten zuwenden, die nicht nur ‚Nur-Deutsche‘ sind, sondern mehr als ‚Nur-Deutsche‘“.

Ob es für den Dialog ein solches Eingeständnis braucht, ist allerdings fraglich. Die evangelische Landeskirche in Württemberg geht seit Jahren einen anderen Weg. Sie hat die Stelle eines Beauftragten für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma geschaffen. Gemeinsam mit einem Vertreter der Minderheit geht er regelmäßig in Schulen. Es ist wichtig, den Bildern und Klischees die Begegnung entgegenzusetzen, sagt der Leiter des Referates für Mission, Ökumene und Entwicklung in der evangelischen Landeskirche Württemberg, Klaus Rieth.

„Dass die Schüler zum ersten Mal einen wirklichen Anhänger dieser Gruppe sehen, mit ihm sprechen können und da passiert enorm viel, weil da merkt man dann, da ist jemand, der ist wie ich, wie mein Nachbar, der redet wie ich, dieselbe Sprache viele Vorurteile brechen da zusammen.“

Doch um zu erfahren, woher die Vorurteile gegen Sinti und Roma kommen und wie sie bis heute, in Bildern, Texten und Erzählungen tradiert werden, ist noch viel Forschung notwendig – auch über die Beziehung zwischen Antiziganismus und Protestantismus.

Quelle: Deutschlandfunk
Stand: 05.10.2017

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Zentralrat Deutscher Sinti und Roma appelliert an KIKA und SWR: Antiziganistischen Kinderfilm nicht senden http://antizig.blogsport.de/2017/10/05/zentralrat-deutscher-sinti-und-roma-appelliert-an-kika-und-swr-antiziganistischen-kinderfilm-nicht-senden/ http://antizig.blogsport.de/2017/10/05/zentralrat-deutscher-sinti-und-roma-appelliert-an-kika-und-swr-antiziganistischen-kinderfilm-nicht-senden/#comments Thu, 05 Oct 2017 08:33:04 +0000 Administrator Deutschland Analyse und Kritik des Antiziganismus Fundstücke Antiziganistische Klischees Beiträge auf Deutsch http://antizig.blogsport.de/2017/10/05/zentralrat-deutscher-sinti-und-roma-appelliert-an-kika-und-swr-antiziganistischen-kinderfilm-nicht-senden/

Beim gestrigen Fachgespräch zum Thema „Antiziganismus und staatliche Filmförderung“ wiederholte Romani Rose als Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma seinen Appell an den Südwestrundfunk (SWR), den Kinderfilm Nellys Abenteuer nicht auszustrahlen und auch nicht in das Programm des KIKA, des gemeinsamen Programms von ARD und ZDF, aufzunehmen.

Der Film enthält nach Auffassung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma massive antiziganistische Klischees und Stereotype, die ihn völlig ungeeignet für die Zielgruppe von Kindern machen. Die pädagogische Altersempfehlung empfiehlt den Film für Kinder von neun Jahren an und für die dritten Schulklassen. Bei der Fachtagung stellte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma das Gutachten von Pavel Brunßen, Technische Universität Berlin, vor, das dieser Erklärung vollständig anhängt.

Im Ergebnis der detaillierten Filmanalyse heißt es:

„In Nellys Abenteuer werden Roma durchgehend als Fremd und Anders dargestellt. Dies ist konzeptionelle Grundlage des Films: Es soll ein scharfer Kontrast zwischen den ‚eckig‘ denkenden Deutschen und den ‚freiheitsliebenden‘ Roma hergestellt werden. Die Handlungen und Eigenschaften der Roma im Film erfolgen entlang einschlägiger antiziganistischer Topoi: Roma erscheinen demnach als Kleinkriminelle, Trickbetrüger, Bettler, beim Aufführen ‚traditioneller‘ Tänze, als Kindesentführer usw. Roma in anderen Lebenssituationen, wie etwa in ‚regulären‘ Berufen oder als Studierende, werden im Film nicht gezeigt. […] Hängen bleibt jedoch das Bild von den kriminellen, unzivilisierten, disziplinlosen und triebgesteuerten Roma, die keine Moral kennen. Vor diesem Hintergrund ist es als besonders kritisch zu bewerten, dass der Film im Fernseh- oder Kinoprogramm aufgenommen wird und als Bildungsmaterial für Kinder und Jugendliche verwendet werden soll. Die stereotypen Darstellungen des Films setzen sich im begleitenden Bildungsmaterial fort, und provozieren pauschalisierende und essentialisierende Aussagen über Roma.“ (Seite 19).

Prof. Urs Heftrich von der Universität Heidelberg konstatierte in seinen Anmerkungen zum Film, dass antiziganistische Klischees nicht aufgelöst, sondern im Gegenteil zementiert würden:

„Nellys Abenteuer präsentieren die Roma, über ihre Charakterisierung als notorische Taschendiebe hinaus, als Handlanger zu einem Verbrechen, das nach § 239a StGB mit ‚Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft‘ wird: ‚Erpresserischer Menschenraub‘. Dass der Mastermind hinter diesem Plot kein Rom ist, dass dieser Mastermind (so Prof. Becker in seinem Statement) die Erwartung, Roma neigten zur Kindesentführung, in seinen Plot einkalkuliert und dass Nelly zuletzt mit Hilfe eines jungen Rom gerettet wird – all dies ändert nichts an der Tatsache, dass Roma (speziell Romamänner) im Film diejenigen sind, die das Verbrechen real durchführen. Auch rassistische Filme in den USA haben fast immer den adulten männlichen Afroamerikaner als besonders gefährlich dargestellt. Wir haben es hier geradezu mit einem rassistischen Archetyp zu tun.“

Während des Fachgesprächs machten unterschiedliche Teilnehmer deutlich, dass der Film Nellys Abenteuer in der Tat antiziganistische Vorurteile produziert und reproduziert. Gerade weil auch aktuell immer wieder in der medialen Berichterstattung das Bild von Sinti und Roma mit einer auf der Abstammung beruhenden Kriminalität verbunden und so ein Zerrbild produziert werde, seien die Zuschauer des Films bereits disponiert für die Aufnahme und Bestätigung solcher Stereotypen, erklärte Markus End als Vorsitzender der Gesellschaft für Antiziganismusforschung.

Die Teilnehmer des Fachgespräches stimmten darin überein, dass die Ethik des Filmemachens über oder mit Sinti und Roma neu diskutiert werden müsse, und zwar gleichermaßen an den Filmhochschulen und Akademien wie in den Einrichtungen der Filmförderung. Für diese wäre es eine Möglichkeit, in der jeweils zuständigen Jury einen Ethikbeauftragten zu bestimmen. Dies bedeute keine Einschränkung der Kunstfreiheit, wohl aber müsse von der Filmförderung erwartet werden, dass ethische Standards, die die Würde von Minderheitenangehörigen schützen, existieren und eingehalten werden, so Rose.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sieht nach dem Fachgespräch seine Kritik am Film wie an der Filmförderung in Deutschland weitgehend bestätigt. Es bleibe unverständlich, dass ein solcher Film die einschlägigen Gremien der Filmförderung durchlaufen konnte, ohne dass die Produktion und Reproduktion von Stereotypen bemerkt wurde. Ein ähnlicher Film über antisemitische Stereotypen und Ressentiments im Kontext einer Reise nach Israel wäre – so will ich voraussetzen – auf jeder Jurysitzung sofort abgelehnt worden, so Romani Rose. Der Film Nellys Abenteuer wurde mit über 930.000 Euro aus Steuermitteln finanziert.

Nachdem in der vergangenen Woche ein Gespräch mit dem Programmdirektor des Südwestrundfunks (SWR), Dr. Christoph Hauser, und Vertretern der Produktionsfirma und der MFG Filmförderung Baden Württemberg über Nellys Abenteuer ohne eine Annäherung der Positionen verlaufen war, erneuerte der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, seinen Appell, diesen Film nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu zeigen.

„Es ist im Grunde unvorstellbar, daß in Deutschland ein Film mit einem derart antiziganistischen Inhalt erst mit Steuergeldern subventioniert wird, und dann im Kinderprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ausgestrahlt wird“, erklärte Romani Rose. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wird sich deshalb nochmals an die Progammverantwortlichen des SWR, dessen Intendanten und den Rundfunkrat, sowie an die Programmverantwortlichen des von ARD und ZDF gemeinsam betriebenen Kinderkanals (KIKA) wenden.

Quelle: Zentralrat der Sinti und Roma
Stand: 05.10.2017

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Komödie „Hereinspaziert!“ ist „zutiefst rassistisch“ und „gefährlich“ http://antizig.blogsport.de/2017/10/02/komoedie-hereinspaziert-ist-zutiefst-rassistisch-und-gefaehrlich/ http://antizig.blogsport.de/2017/10/02/komoedie-hereinspaziert-ist-zutiefst-rassistisch-und-gefaehrlich/#comments Mon, 02 Oct 2017 18:13:24 +0000 Administrator Analyse und Kritik des Antiziganismus Fundstücke Antiziganistische Klischees Beiträge auf Deutsch Frankreich http://antizig.blogsport.de/2017/10/02/komoedie-hereinspaziert-ist-zutiefst-rassistisch-und-gefaehrlich/

Die französische Kino-Produktion „Hereinspaziert“ ist aus Sicht des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma eine „zutiefst rassistische Komödie über rumänische Roma in Frankreich“.

Regisseur Philippe de Chauveron („Monsieur Claude und seine Töchter“) zeige zugewanderte rumänische Roma „durchweg als nicht integrierbare Gegenkultur zur westlichen Zivilisation“, kritisiert der Zentralrat, der sich seit 1982 für die Belange von in Deutschland lebenden Roma einsetzt.

„Rassistische und antiziganistische Denkmuster“

„Es ist unerträglich, wie Angehörige der Minderheit als vormoderne und unzivilisierte ‚Wilde‘ charakterisiert werden. Der Film benutzt die Minderheit als Projektionsfläche und Gegenbild und macht Geld auf Kosten einer ohnehin diskriminierten Minderheit mit Rassismus“, beklagt der Vorsitzende Romani Rose. Damit trage „Hereinspaziert!“ dazu bei, „den in ganz Europa gesellschaftlich tief verwurzelten Antiziganismus zu legitimieren und weiter salonfähig zu machen“.

Gefährlich werde der Film vor allem dadurch, so Rose weiter, „dass er vermeintlich leichte Unterhaltung im Gewand der Komödie bietet und über komödiantische Elemente rassistische und antiziganistische Denkmuster über Roma tradiert“.

Diskussionen in Frankreich

Bereits im Vorfeld habe der Zentralrat an den zuständigen deutschen Verleih Universum Film appelliert, den Film nicht herauszubringen. „Hereinspaziert“ sorgte zum Kinostart in Frankreich für Diskussionen. „Ein ähnlicher Film mit antisemitischen Stereotypen und Ressentiments wäre – so will ich voraussetzen – gerade in deutschen Kinos nicht ausgestrahlt worden“, vermutet Romani.

Quelle: Prisma
Stand: 02.10.2017

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Lachen gegen die anderen http://antizig.blogsport.de/2017/10/02/lachen-gegen-die-anderen/ http://antizig.blogsport.de/2017/10/02/lachen-gegen-die-anderen/#comments Mon, 02 Oct 2017 18:07:47 +0000 Administrator Analyse und Kritik des Antiziganismus Fundstücke Antiziganistische Klischees Beiträge auf Deutsch Frankreich http://antizig.blogsport.de/2017/10/02/lachen-gegen-die-anderen/

Französisches Kino steht in Österreich immer noch für niveauvolle Unterhaltung. Doch seit einigen Jahren kommen aus Frankreich Komödien, die vor allem Klischees bedienen und damit Vorurteile zementieren – und so, unter dem Deckmantel leichter Unterhaltung, Politik machen.

Dreckige Zähne, glitzernde Goldkronen, Hut, Ringe an jedem Finger und Stoppelbart: Babik (gespielt von Ary Abittan) sieht aus wie die verächtliche Karikatur eines Rom, in der französischen Komödie „Hereinspaziert!“. Der Film ist der neueste Streich von Erfolgsregisseur Philippe de Chauveron, nach „Monsieur Claude und seine Töchter“, der in Frankreich 17 Millionen Zuschauer ins Kino holte, und „Alles unter Kontrolle!“ über einen Polizisten, der bei einer missglückten Abschiebung selbst zum Flüchtling wird.

Chauveron dreht Komödien, die europaweit rasend erfolgreich sind, gerne mit Publikumsliebling Christian Clavier in der Hauptrolle, dessen Figur es sich in seiner bildungsbürgerlichen Blase bequem gemacht hat, doch angesichts real erlebten Multikulturalismus – so beim auch in Österreich hunderttausendfach besuchten „Monsieur Claude“ – dann mit einem Mal feststellt, dass das Zusammenleben mit Menschen aus anderen Kulturen doch nicht so einfach ist.

Man wird ja wohl noch sagen dürfen

Diese Komödien, fast alle nach einem Drehbuch von Guy Laurent, stochern da in einem trüben Sumpf aus Vorurteilen und einem „Man wird ja wohl noch sagen dürfen!“, immer wieder hart an der Grenze zwischen Geschmacklosigkeit und offenem Rassismus. Doch mit „Hereinspaziert!“, der nun auch in Österreich ins Kino kommt, sind Laurent und Chauveron zu weit gegangen: Als antiziganistische, rassistische Hetze wurde die Komödie in Frankreich kritisiert, und auch das Publikum blieb weitgehend daheim, zu hart sind hier die Klischees.

Christian Clavier spielt da den linken, wohlbestallten Starautor Jean-Etienne Fougerole, offensichtlich angelehnt an den französischen Philosophen und Publizisten Bernard-Henri Levy. Als Autor des Buches „Hereinspaziert!“, in dem er gegen Rassenhass argumentiert, wird Fougerole in einer Fernsehdebatte von seinem rechten Kontrahenten gefragt, ob er selbst eine Roma-Familie aufnehmen würde, wenn die vor der Tür stünde. „Selbstverständlich“, antwortet Fougerol, in die Ecke getrieben.

Mit Schwein, Charme und Campingkocher

Noch am selben Abend steht der Klischee-Rom Babik mit seiner vielköpfigen Familie vor der Tür des Anwesens der Fougerols, möchte den Familienwohnwagen im gepflegten Garten aufstellen, bringt sein Hausschwein mit und seine altertümliche Sexualmoral. Der kulturelle Clash zwischen progressiven Linken und traditionellen Roma ist so unvermeidlich wie vorhersehbar, und die ungebetenen Gäste benehmen sich wie der sprichwörtliche Rotz am Ärmel.

Den „Esprit von Charlie Hebdo“ attestiert ein Kommentator in der rechten Zeitschrift „Le Causeur“ dem Film, und macht sich über die entsetzten Rezensionen in Zeitungen wie „Le Monde“ und „Le Figaro“ lustig: „Wir wollen das Recht, über alles zu lachen.“ Regisseur Rachid Hami, dessen Film „La Melodie“ kürzlich in Venedig Premiere feierte und der dafür ebenfalls mit Chauverons Drehbuchautor Laurent zusammenarbeitete, analysiert: „‚Monsieur Claude‘ hat sich noch über alle lustig gemacht, aber bei ‚Hereinspaziert!‘ ist das nur eine Gruppe – und das ist dann doch zu offensichtlich rassistisch.“

Rassismus verkauft sich gut

Hami bestätigt, dass im französischen Kino ein besorgniserregender Trend zu spüren ist, der eine Normalisierung von Rassismus in der Gesellschaft widerspiegelt und befeuert. Angefangen habe das schon mit dem Erfolg von „Ziemlich beste Freunde“, der den schwarzen Protagonisten als wandelndes Stereotyp gezeigt habe: „Politisch gesprochen sind solche Filme wie eine schleichende Vergiftung. Das ist beängstigend, denn die Normalisierung von Rassismus führt dazu, dass jemand wie Marine LePen mit ihrer Rassistenpartei auf einmal bei den Präsidentschaftswahlen in der Stichwahl ist – und niemand reagiert mehr entsetzt.“

Der Grund für diese Welle von Filmen, so Hami, ist schlicht: „Es ist das Geld. Die Leute gehen gern in solche Filme, weil sie sich gern mit ihrem Rassismus wohlfühlen. Aber wenn morgen ein Film so erfolgreich wird, in dem Leute Katzen essen, dann werden wir halt eine ganze Welle von Filmen kriegen, in denen Katzen gegessen werden. Es ist ein Phänomen, eine Mode, und die ist in diesem Fall leider gefährlich.“

Kino als Politmaschine

Brisanterweise war „Hereinspaziert!“ in Frankreich kurz vor der französischen Präsidentschaftswahl im April ins Kino gekommen, analog zur bevorstehenden österreichischen Nationalratswahl im Oktober, und wurde gerade in diesem Zusammenhang als besonderes manipulativ gewertet. Und noch ein zweiter Film, auf der anderen Seite des politischen Spektrums, erregte die Kritiker und Feuilletons: „Das ist unser Land!“, in Österreich seit 1. September im Kino, handelt von einer Krankenschwester, die vom Front National (der im Film „Le Bloc Patriotique“ heißt) als Bürgermeisterkandidatin rekrutiert wird und dabei die manipulativen Mechanismen innerhalb der Partei kennenlernt.

Der Aufschrei der Frontisten gegen den Film war in Frankreich groß. Ein rechtspopulistischer Abgeordneter bezeichnete Regisseur Lucas Belvaux gar als „Schüler von Goebbels“, der auf Steuerkosten einen Propagandafilm gedreht habe. Dabei ist Belvaux’ Film trotz einiger Schwächen alles andere als grell, sondern geht detailliert auf die Mechanismen ein, mit denen die Partei arbeitet, und bringt großes Verständnis auf für die Nöte und Ängste der Menschen, die sich dem Front National zuwenden.

Belvaux hat für seinen Kollegen Philippe de Chauveron harte Worte: „‚Hereinspaziert!‘ ist schlicht rechtsextrem, unter dem Deckmantel einer leichten Komödie. Und das Problem ist nicht nur die Geschichte, die er erzählt, sondern dass er die dahinterliegenden Überzeugungen inzwischen ganz normal findet.“ Unkritisch betrachtet normalisieren Filme wie diese ein Klima, in dem man über die Missachtung von Menschenrechten die Achseln zucken oder sogar lachen kann, sagt Belvaux. Beide Filme sind nun im Kino zu sehen.

Quelle: ORF.de
Stand: 02.10.2017

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Dieser rassistische Film läuft bald im Kinderkanal http://antizig.blogsport.de/2017/10/02/dieser-rassistische-film-laeuft-bald-im-kinderkanal/ http://antizig.blogsport.de/2017/10/02/dieser-rassistische-film-laeuft-bald-im-kinderkanal/#comments Mon, 02 Oct 2017 18:02:59 +0000 Administrator Deutschland Analyse und Kritik des Antiziganismus Fundstücke Antiziganistische Klischees Beiträge auf Deutsch http://antizig.blogsport.de/2017/10/02/dieser-rassistische-film-laeuft-bald-im-kinderkanal/

„Nellys Abenteuer“ ist ein Kinderfilm über klauende, unterentwickelte Roma.

Als Nelly den beiden Roma-Teenagern das erste Mal begegnet, betteln sie sie zuerst an und klauen ihr dann das Portemonnaie. Kurz darauf wird das deutsche Teenie-Mädchen von zwei Roma-Männern entführt. Sie bezahlen eine Familie in einem ärmlichen Roma-Dorf mit nur einem Wasserhahn für alle Dorfbewohner dafür, sie versteckt zu halten. Im Dorf freundet sich Nelly dann aber mit den beiden diebischen Teenagern an, die ihr schließlich bei der Flucht helfen. Und ganz am Ende helfen ihr sogar ihre ursprünglichen Entführer dabei, dem deutschen Oberbösewicht zu entkommen – indem sie ihm seine Autoreifen klauen.

Das ist so ungefähr die Grundhandlung des deutschen Spielfilms Nellys Abenteuer, der schon letztes Jahr in die Kinos kam, und bald im KiKa und im SWR ausgestrahlt werden soll. Dagegen läuft jetzt der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma Sturm. Der Film enthalte „massive antiziganistische Klischees und Stereotype“ und sei „völlig ungeeignet für die Zielgruppe von Kindern“. Was den Roma-Verband besonders ärgert: Der Film wurde mit fast 900.000 Euro von einer Reihe staatlicher Filmförderungen gefördert.

Der SWR hat auf die Vorwürfe reagiert und sich letzte Woche mit dem Zentralrat zusammengesetzt. Das Ergebnis: Der Sender findet nicht, dass der Film rassistisch sei, und wird ihn senden. Man habe den Roma-Vertretern „ausführlich dargelegt“, dass die Geschichte „auf der Basis gegenseitiger kultureller Wertschätzung erzählt“ werde, erklärt Christoph Hauser, der Programmdirektor des SWR, in einer Stellungnahme gegenüber VICE. „Den Vorwurf des Zentralrats, der Film beinhalte rassistische und antiziganistische Züge, weise ich entschieden zurück“, schreibt er weiter.

Das heißt, der Fernsehsender findet, er habe den Roma mit dem Film sogar einen Gefallen getan. Dass die Roma-Vertreter das nicht so sehen, obwohl man ihnen das „ausführlich dargelegt“ habe, ist offenbar kein Grund, darüber nochmal nachzudenken. Immerhin ist der Film vom Kinopublikum „begeistert aufgenommen“ worden, so Hauser. Deshalb plant die Produktionsfirma offenbar auch, den Film an Schulen zu zeigen, wo er zusammen mit pädagogischem Begleitmaterial zur Aufklärung über Roma beitragen soll.

Tatsächlich geht es in dem Film ja um ein deutsches Mädchen, das nach anfänglichen Berührungsängsten (die damit zusammenhängen könnten, dass es mehrmals von zwei schmierigen Roma mit Goldzähnen entführt wurde) schließlich doch Freundschaft mit den netten Roma aus dem ärmlichen Dorf schließt. Die beiden Teenager, die sie anfangs beklaut haben, führen sie dann in das sorglose, lustige Zigeuner- Roma-Leben ein, in dem man zwar nie arbeitet (Geld verdient man ja mit Klauen), aber immer spontan zu einer Party bereit ist. Am Ende entscheiden sogar Nellys spießige deutschen Eltern, dass sie lieber „Abenteuer statt Reihenhaus“ wollen, und beschließen, ganz nach Rumänien zu ziehen.

Die Geschichte kam zum Kinostart bei manchen Deutschen auch wirklich gut an. „Die Dorfszenen sind frei von mystifizierender ‚Zigeuner-Romantik‘ und lassen die frühere Dokumentarfilmtätigkeit des Regisseurs durchscheinen“ schrieb die Süddeutsche damals begeistert. Besonders beeindruckt war der Autor, weil der Film in einem echten Roma-Dorf in Siebenbürgen gedreht wurde und auch die beiden Hauptdarsteller Roma sind.

Es gab aber auch damals schon Stimmen, die dem Film einen seltsamen Beigeschmack attestierten. Die Plattform kino-zeit.de schrieb, die Perspektive des Films sei „herablassend, fast kolonialistisch“:

„Alle Protagonisten mit Macht und Einfluss sind Deutsche, der rumänischen Polizei kann man aber anscheinend nicht trauen. (…) Die Rumäninnen und Rumänen sind zwar fast alle herzensgut, aber im Zweifel schwach oder arme Handlanger der Deutschen. Im Dorf der Roma (…) sind die Menschen fröhlich und wird gerne Musik gemacht. (…) Nichts davon ist überraschend, weil es so genau den Klischees entspricht.“

Auch der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wirft dem Regisseur Dominik Wessely nicht vor, absichtlich einen Film gedreht zu haben, der plumpe Ressentiments bedient (die in Deutschland übrigens zunehmen – über 50 Prozent der Deutschen glauben, die Gruppe der Roma und Sinti „neige zur Kriminalität“). Aber sie werfen ihm vor, einen Film gedreht zu haben, der es vielleicht gut gemeint hat – aber am Ende trotzdem Stereotype verbreitet.

Um ihre Argumente zu untermauern, hat der Zentralrat von gleich zwei Wissenschaftlern Gutachten in Auftrag gegeben. Beide Urteile sind eindeutig: Roma erscheinen in dem Film „als Kleinkriminelle, Trickbetrüger, Bettler, beim Aufführen ‚traditioneller‘ Tänze, als Kindesentführer usw. Roma in anderen Lebenssituationen, wie etwa in ‚regulären‘ Berufen oder als Studierende, werden im Film nicht gezeigt“, schreibt Pavel Brunßen vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. „Hängen bleibt das Bild von den kriminellen, unzivilisierten, disziplinlosen und triebgesteuerten Roma, die keine Moral kennen.“

Der Heidelberger Slavistik-Professor Urs Heftrich pflichtet ihm bei. Er urteilt, „dass ‚Nellys Abenteuer‘ zwar vermutlich in der guten Absicht gedreht worden sein dürfte, Vorurteile gegenüber den Roma abzubauen, im Ergebnis dieses Ziel aber leider auf fatale Weise verfehlt“. Der Film sei geeignet, „antiziganistische Klischees“ zu zementieren. Beide Wissenschaftler sind sich einig, dass der Film nicht ausgestrahlt werden sollte – und dass man ihn erst recht nicht in Schulen zeigen sollte.

Das Klischee der Kinder entführenden Roma gehört vor allem in Deutschland zu den ältesten und gefährlichsten Vorurteilen gegen „Zigeuner“. Die Angst vor den kinderklauenden, umherziehenden Banden hat es in Form von viralen Facebook-Fake-Posts über rumänische Frauen, die Kinder im Supermarkt entführen, sogar bis in unsere Zeit geschafft. Dass es im Film ein Deutscher war, der die Entführung in Auftrag gegeben hat, ändert nichts daran, dass zwei Roma die Tat ausgeführt haben.

Richtig ist: Die Armut, die der Film zeigt, existiert auch in der Realität. Es stimmt auch, dass die im Dorf gedrehten Szenen ein paar interessante Bilder aus dem Leben der ländlichen Roma einfangen. Allerdings wird im Film kaum erklärt, woher die Armut unter rumänischen Roma kommt. „Die lange Geschichte von Ausgrenzung und Marginalisierung rumänischer Roma bis hin zur Versklavung, wird im Film ausgeblendet“, schreibt Pavel Brunßen.

Natürlich ist „Nellys Abenteuer“ ein Kinderfilm, keine Dokumentation. Aber ein Film, dessen erklärtes Ziel es ist, „mit negativen Stereotypen“ über Roma zu brechen, sollte sie zumindest nicht noch weiter verbreiten.

Laut einem Bericht von Belltower-News stand bei einer Protest-Veranstaltung des Roma-Zentralrats gegen den Film in Berlin irgendwann ein Mädchen im Grundschulalter auf. „Hallo, ich bin auch ein Roma-Kind“, stellte sie sich vor. „Aber ist stehle nicht, ich frage immer vorher, bevor ich was nehme.“ Dass sie das dazu sagen muss, hat sie offenbar durch den Film gelernt.

Quelle: VICE
Stand: 02.10.2017

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