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Latscho Diwes (Romanes: Guten Tag!)

Warum dieser Blog?
In den letzten Jahren scheint sich der Hass gegen Sinti und Roma europaweit immer mehr und immer heftiger seine Bahn gebrochen zu haben.
Doch bei genauerer Betrachtung lässt sich feststellen, dass seit Jahrhunderten Vorurteile und bis zur Gewalttätigkeit gesteigerte Anfeindungen gegen Sinti und Roma existieren, wenn sie auch Konjunkturen unterlagen.
Der gegen Jenische, Sinti und Roma gerichtete Rassismus, auch Antiziganismus genannt, ist bis heute Realität und weit verbreitet. Trotz des deutschen Völkermordes an den Sinti und Roma, dem 500.000 Menschen zum Opfer fielen, ist die ihm zu Grunde liegende spezifische gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bis heute kaum analysiert und benannt worden. Daraus folgt eine fehlende Sensibilisierung und Tabuisierung des antiziganistischen Rassismus.

In Europa scheint der Antiziganismus in den letzten Jahren zu einem Höhenflug anzusetzen: In Ungarn werden in den letzten Jahren mehrere Roma von organisierten extremen Rechten ermordet, aus Frankreich werden vom Staat tausende Roma mit Gewalt nach Rumänien abgeschoben, in Italien wird erwogen Sinti und Roma in einer gesonderten Datei zu erfassen und in Deutschland wurden vermehrt Fahrzeuge und Wohnungen von Sinti und Roma angegriffen.

Der Antiziganismus ist nach Umfragen sogar mehrheitsfähig. Eine Emnid-Untersuchung ermittelte im März 1994, dass 68% der deutschen Bevölkerung keine „Zigeuner“ als Nachbarn wollten (zum Vergleich: 22% keine Juden und 36% keine Türken). Das hat natürlich Auswirkung auf die Lebensrealität von Sinti und Roma. Einer repräsentativen Umfrage des „Zentralrat der Sinti und Roma“ von 2006 nach gaben 76% der Befragten an bei der Arbeit, von Nachbar_innen, in Gaststätten oder an anderen Plätzen häufiger diskriminiert zu werden.

Antiziganismus ist tagtägliche Realität. Im deutschsprachigen Raum wird das leider kaum wahr genommen, auch in großen Teilen der antirassistisch aktiven Linken. Um zu zeigen, dass es sich nicht um vereinzelte Taten handelt, sondern um Ausdrucksformen einer sehr lebendigen Hass-Ideologie, hat es sich dieser Blog zur Aufgabe gemacht antiziganistische Vorkommnisse in In- und Ausland zu sammeln. Daneben wollen wir auch die Ideologie des Antiziganismus analysieren und den Widerstand dagegen dokumentieren.

Was ist Antiziganismus?
Unter Antiziganismus versteht man das Ressentiment gegen die Bevölkerungsgruppen der Jenische, Sinti und Roma.
Zum Antiziganismus zählen wir u.a.
* Gewalttätige Angriffe auf Sinti, Roma und Jenische oder Menschen, die für Angehörige solcher Gruppen gehalten werden (z.B. Zirkus-Mitarbeiter_innen).
* Gezielte antiziganistische Mobilisierungen in der Politik bzw. der öffentlichen Sphäre, vor allem durch extrem rechte Parteien und Organisationen.
* Die strukturell-rassistische Abschiebe- und Vertreibungspolitik, die Roma besonders trifft, da diese Bevölkerungsgruppe über keinen eigenen Staat verfügt, in dem sie die Mehrheitsbevölkerung stellt. In allen Herkunfts-Ländern von nach West-, Mittel- und Nordeuropa geflüchteten Roma unterliegt diese Minderheit einer verschärften Diskriminierungspraxis. Da viele Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien willkürlich den Nachfolgestaaten zugeordnet wurden, sind sie de-facto staatenlos.
* Die scheinbar „positiven“ Klischees und Stereotype über „Zigeuner“ in Kunst, Kultur, Literatur und Medien, die nur die Kehrseite der negativen Vorurteile sind. Die Romantisierung von Roma als „wild“, „natürlich“, (mehrheitlich) „nomadisch“ etc. oder die Zuschreibung von Wahrsagekunst und Musik usw. sind nur ein Bestandteil des Gesamt-Ressentiments.
(Für mehr: http://sinti-roma-hessen.de/9.html)

Kurz zusammengefasst:
„Mit Antiziganismus bezeichnen wir sowohl die Gegnerschaft gegenüber Sinti und Roma im Rahmen politischer Bewegungen mit nationalistischen und rassistischen Programmen als auch die Gesamtheit der Bilder und Mythen vom »Zigeuner«, also die gängigen Klischees, die Bestandteil des kulturellen Erbes in der Literatur, der Musik und anderen gesellschaftlichen Bereichen geworden sind.
(Daniel Strauß: Antiziganismus in Deutschland, in: Antiziganismus – Geschichte und Gegenwart Deutscher Sinti und Roma, Seite 118)

Da Sinti und Roma die Eigenbezeichnung der Bevölkerungsgruppe sind, wird in diesem Blog, außer in Zitaten „Zigeuner“ nur in Anführungsstrichen geschrieben werden.
Es ist uns bekannt, dass eine Minderheit von Roma den Begriff „Zigeuner“ auch als Eigenbezeichnung verwendet. Dies geschieht aus unterschiedlichen Gründen. Entweder aus einer Tradition heraus oder in dem Versuch den Begriff sich wiederanzueignen und positiv zu wenden. Das kann aber niemals begründen, dass Nicht-Roma heutzutage diesen Begriff unreflektiert auf Roma anwenden. Es ist jedenfalls eine billige und fadenscheinige Rechtfertigung, wenn Mitglieder der Mehrheitsbevölkerung mit Verweis auf die Wortherkunft („Kanacken heißt ja eigentlich Menschen“) oder die teilweise Selbst-Verwendung durch die Angehörigen der Minderheit („Die sagen ja auch untereinander zueinander Neger“) versuchen eine diskriminierende Bezeichnung weiterzuverwenden oder wiederzubeleben.

Wer sind wir?
Wir sind zwei Nicht-Roma aus Baden-Württemberg, die sich in der linksalternativen Szene verorten. Die Sängerin Shakira schleuderte dem französischen Präsidenten Sarkozy, der für die Zwangsabschiebung tausender rumänischer Roma aus Frankreich verantwortlich ist, folgende Worte entgegen:
„Wir sind alle Zigeuner und was jetzt mit ihnen passiert, wird auch unseren Kindern und Kindeskindern angetan werden.“
Dem wollen wir uns anschließen in der festen Überzeugung, dass alle Menschen Schwestern und Brüder sind.
Die 2 gadsche